Volksstimme: Herr Kramer, Sehen Sie einen Zweiteiler als Experiment?

Tim Kramer: Ja, vor allem vom Aufwand her. Wir proben zwei Stücke in einer Zeit, in der wir normalerweise eine Inszenierung auf die Bühne bringen. Obwohl ich schon gekürzt habe, ist die Fülle des szenischen Materials immens.

Auf wie viele Stunden kommen Sie?

Ich kann es noch nicht sagen. Zusammen werden es wohl fünf Stunden sein.

Sollte man beide Aufführungen sehen?

Ein Besuch funktioniert sicher auch alleine, aber die Geschichte gehört einfach zusammen und sie geht erst auf, wenn ich den zweiten Teil angeschaut habe. Ich sage ganz selbstbewusst: Wenn ich den ersten Teil gesehen habe, will ich wissen, wie es weitergeht. Deshalb sollte man beide Stücke auch zeitnah zeigen.

Handhaben es Häuser auch anders?

An manchen Theatern wurde der zweite Teil erst ein Jahr später auf den Spielplan gesetzt. Bei der Renaissance des Stückes vor drei, vier Jahren wurde es auch am Broadway in New York gezeigt. Dort ist es mit zwei Premieren ganz dicht hintereinander gezeigt worden und später dann an einem Tag. Solch einen Theater-Marathon planen wir auch. Am 14. März bringen wir beide Teile an einem Sonnabend auf die Bühne. Um 16 Uhr geht es los, dann gibt es eine längere Pause, bevor es um 20 Uhr weitergeht. Wir wollen herausfinden, worauf sich die Zuschauer eher einlassen.

Warum haben Sie den amerikanischen Zweiteiler auf den Spielplan gesetzt?

Es war in den 1980er Jahren das Stück der Stunde. Für mich gehört „Engel in Amerika“ zu einem der zehn wichtigsten Stücke des vergangenen Jahrhunderts und ich bin mir sicher, dass es bald in den Kanon der modernen dramatischen Klassiker gehören wird. Vor allem ist es sehr aktuell.

Was ist so aktuell?

Es ist das Überzeitliche. „Engel in Amerika“ hat so viel Energie und überzeitliche Dinge in sich, die damit zu tun haben, wie wir mit der Moderne umgehen, mit unser täglichen Überforderung, mit dem Auflösen von moralischen Sicherheiten, auch mit der Befreiung der Homosexualität. Das ist unglaublich aufbereitet, schlau, intelligent, auch humorvoll und bewegend. Letztlich dreht es sich darum, wie wir mit der totalen Überforderung umgehen, die die Globalisierung mit sich bringt.

Wie das Corona-Virus? Es beherrscht heute die Schlagzeilen, damals war es Aids.

Aids ist auch immer noch ein großes Thema, für uns nur nicht mehr so gegenwärtig. Dabei gehen die Neuinfektionen auch durch eine gewisse Sorglosigkeit nicht zurück. Das Stück greift ja vor allem die lange Zeit versuchte Stigmatisierung der Krankheit auf. Erzählt werden die letzten Tage von Roy Cohn, der an Aids stirbt und zeitlebens versucht hatte, die Krankheit zu verschleiern. Auch Donald Trump hat sich damals von ihm abgewendet.

Trump? Das Buch spielt doch in der Reagan-Ära.

Roy Cohn hatte für Reagan gearbeitet und für ihn eine wichtige Rolle gespielt. Er war aber auch lange Zeit der Anwalt von Donald Trump, als der noch ein junger Mann war und als Bauunternehmer arbeitetete. Cohn hatte ihm gezeigt, mit welchen Bandagen man kämpfen muss. Diese Klammer finde ich unglaublich. Deshalb wundert es mich, dass das Stück in Deutschland nur selten gespielt wird.

Kommt denn Trump vor?

Er wird nicht mit Namen erwähnt, aber trotzdem ist er gegenwärtig. In unserer Vorbereitung sind wir auf Bilder von Trump und Cohn gestoßen. Vieles was Trump gelernt hat, hat er von Cohn. Die Figur von Cohn ist ja sehr nach dran an der Biografie.

Sie haben zur Eröffnung der Spielzeit zum roten Faden gesagt, das Haus wolle vom Menschenfreund zum Menschenfeind gehen. Wo steht das Haus mit dem Stück?

Wir sind mittendrin. Man hat den Menschenfeind, denn Cohn ist wirklich ein Teufel, aber es gibt jede Menge weitere Figuren, deren Geschichte erzählt wird. Und mancher findet ja auch den Weg, mit der Gesellschaft und schwierigen politischen Situationen umzugehen.