Hamburg (dpa). Das Kind quengelt, schreit. Im Bäckerladen steht die Mutter am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Schon holt sie, als gleichsam letzte Lösung, zu einer Ohrfeige aus. Da fällt ihr Blick auf einen anderen Kunden im Geschäft. Ist das nicht der Mann, hinter dem sie, die Frau Kommissarin, hinterher ist, weil er sein Kind misshandelt und erschlagen haben soll?

Die Situation gehört zu den Schlüsselszenen im Drama "In aller Stille", das die ARD an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) zeigt. Regisseur Rainer Kaufmann arbeitete ein weiteres Mal seit "Marias letzte Reise" (Hauptrolle: Monica Bleibtreu) mit der Autorin Ariela Bogenberger zusammen.

Wieder ist Nina Kunzendorf dabei. Hier spielt sie die Kommissarin Anja Amberger, die sich vom Leben hart überfordert fühlt: die Ehe gerade gescheitert, gespanntes Verhältnis zur Mutter, dazu zwei Kinder, den kleinen Sohn und eine heftig pubertierende, gegen die Mutter kräftig anmaulende Tochter - und dann der Beruf als Polizistin, der auch nicht gerade eine Nervensauna ist.

Nun also sitzt sie diesem dumpf vor sich hin brütenden Kerl gegenüber, der den eigenen Sohn umgebracht haben soll. Stürzt sie sich so heftig, nahezu fanatisch in den Fall, weil sie im Gegenüber viel von sich selber spürt? "Ja", bestätigt Kaufmann. "Dies ist in gewisser Hinsicht die Geschichte einer Spiegelung. Im anderen sieht man immer auch etwas von sich selbst, und seine dunkle Seite hat jeder in sich."

Mit "Stadtgespräch" war der Regisseur in den Ruf eines Comedy- Spezialisten gekommen: "Ich hatte dann das Glück, bald darauf einen Film wie ,Die Apothekerin‘ zu machen. Danach traute man mir auch das Ernste zu."

Aber etwas Humor durfte selbst in seinen düstersten Geschichten drin sein. Diesmal nicht. Und was zunächst so krimihaft daherkommt, ist dennoch keine der üblichen "Whodunit"-Geschichten.

Nina Kunzendorf bleibt der Polizei treu

Der Verdächtige darf hier auch der Täter sein – weil es auf andere Dinge ankommt. Zum Beispiel auf das Innenleben der Kommissarin.

Nina Kunzendorf will dabei mit der gar nicht so sympathischen, psychisch fast hässlichen Rolle keine großen Schwierigkeiten gehabt haben: "Ich bin keine so große "Vorbereiterin", die sich schon Monate zuvor den Kopf über den Charakter ihrer Rolle zerbricht." Eher fiel ihr, der Mutter zweier Kinder, das Thema der Kindesmisshandlung schwer: "Ich kann schon in der Zeitung solche Berichte kaum zu Ende lesen."

Der Polizei bleibt jedoch die Schauspielerin eine Weile treu. Als Nachfolgerin von Andrea Sawatzki wird sie beim hessischen "Tatort" die neue Kommissarin sein.

Sie, die disziplinierte, ans Auf und Ab des Schauspielerlebens gewohnte Bühnendarstellerin, trägt es mit Gelassenheit: "Ich freue mich riesig darauf, aber ich bin nicht jemand, der sich schon auf der Schauspielschule schwor: Mein Höchstes wird es sein, einmal einen "Tatort"-Kommissar zu spielen."