Reisende an der Straße der Romanik, Musikliebhaber, Fahrer auf dem Elberadweg –viele Menschen kennen die kleine Kirche, die mit ihrer barocken Haube auf dem Fachwerkturm und dem wohlproportionierten romanischen Korpus von einem Hügel herab in die Landschaft grüßt. Sankt Thomas zu Pretzien (Salzlandkreis) ist ein Schmuckstück.

Von Liane Bornholdt

Pretzien/Plötzky. Als der junge Pfarrer Rüdiger Meussling 1973 die Gemeinden von Ranies, Plötzky und Pretzien übernahm, fand er hier sehr alte und sehr kaputte und vernachlässigte Kirchen vor, in Ranies eine zierliche Fachwerkkirche, die um 1600 erbaut wurde, aber durch Regenwasser geschädigt war, in Plötzky eine romanische Feldsteinkirche mit mächtigem Westwerk, die barock überbaut sich jedoch in traurigem Zustand befand, finster voller Schutt und Feuchtigkeit. Schließlich die Pretziener St.-Thomas-Kirche, die bereits 1971 vom evangelischen Kirchenkreis ganz aufgegeben und von der staatlichen Denkmalliste gestrichen worden war. Die Kirche war von Gestrüpp eingewachsen, das Dach vom Sturm teilweise abgedeckt und Gefache des Turms bereits eingefallen.

Bereits auf der früheren Pfarrstelle in der Altmark nördlich von Stendal hatten sich Pfarrer Rüdiger Meussling mit seiner Ehefrau, der Restauratorin Anna-Maria Meussling, um Renovierung und Erhalt der dortigen Dorfkirchen verdient gemacht. Jetzt versuchten sie hier zu retten, was zu retten war, aber der Sommer 1973 brachte eine große Entdeckung.

Dem fachkundigen Blick der Restauratorin war aufgefallen, dass sich in der Pretziener Kirche der historische Putz erhalten hatte, und da sie wusste, dass viele der mittelalterlichen Kirchen ausgemalt waren, begann sie die zahlreichen Kalk- und Leimfarbschichten, mit denen der historische Putz im Laufe der Jahrhunderte übermalt war, vorsichtig zu lösen – und sie wurde fündig.

Zuerst zeigten sich ein paar Gewandfalten, ein Kleid, dann der Kopf eines Königs… Malereien aus dem 12. Jahrhundert – eine Sensation!

Mit diesem Fund im August 1973 begann für die Familie Meussling ein neuer Lebensabschnitt, abenteuerlich und arbeitsreich, mit zahlreichen Schwierigkeiten, Rückschlägen und großen Erfolgen, begleitet von Helfern, Freunden, Musikern und zahllosen Besuchern.

Jetzt haben beide ihre Geschichte "vom Finden, Freilegen, Bewahren und Verkünden" aufgeschrieben und in einem Buch dokumentiert. "Der verborgene Christus von Pretzien", so der Titel, erschien im Selbstverlag. Es ist ein schön ausgestattetes Buch, das in verschiedener Hinsicht sehr interessant ist. Zunächst ist natürlich die Geschichte von der Rettung der St.-Thomas-Kirche ausgesprochen spannend, und die sehr persönliche Sicht von Anna-Maria und Rüdiger Meussling – beide haben in ihren jeweils eigenen Texten auch ihre persönlichen Sichtweisen aufgeschrieben – nimmt den Leser gefangen. Durch zahlreiche Fotografien, die den allmählichen Fortgang der Restaurierungen dokumentieren, sind all die vielen Schritte dieser Arbeiten lebendig nachvollziehbar.

Interessant sind diese Berichte aber auch deshalb, weil hier mit der authentischen Geschichte aufgeschrieben wurde, wie die DDR funktionierte. Wie etwa behördlich-staatliches Misstrauen der Kirche gegenüber wirkte und mit einiger Courage überwunden werden konnte, wie der Mangel an allem, Material, Fachkräften, Geld… durch persönliche Beziehungen und viel gerade auch privatem Engagement ausgeglichen wurde, wie das, was unerreichbar schien aus umliegenden Betrieben, oft am Rande der Legalität "organisiert" wurde, das alles ist typische DDR-Geschichte, wie sie kaum in anderen 20-Jahre-Wiedervereinigungsbüchern zu lesen ist.

Schließlich ist dieses Buch auch ein kenntnisreicher Kunstführer durch die wiedergewonnenen Schätze der St.-Thomas-Kirche zu Pretzien. Die freigelegten Malereien, insgesamt 94 Quadratmeter, werden erklärt und die architektonische Schönheit des romanischen Bauwerks gezeigt, ein Schatz auch für Kunst- und Architekturfreunde.

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