Von Liane Bornholdt

Blankenburg. Die Musiker des Orchesters "Bachs Erben" sind noch sehr jung, aber sie sind schon Spezialisten. Sie beschäftigen sich speziell mit der Barockmusik und spielen auch auf historischen Instrumenten. Wie gut sie das können war gleich zu Beginn des Werkstattkonzertes zum Impuls-Festival am Sonntagnachmittag im Kloster Michaelstein zu erleben. Es erklang die Ouvertüre zur Händel-Oper "Giulio Cesare", kraft- und schwungvoll, und der strahlende Klang verriet eine genaue Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis der Barockzeit.

Auf das sehr bekannte Werk aber folgte eine Uraufführung. Von Georg Friedrich Händel sind einige unvollendete Werke überliefert, darunter das Fragment einer Oper "Genserico or Olibrio", die die Geschichte des Vandalenkönigs Genserico erzählt, der im Jahre 455 Rom besiegte und plünderte. Von der Oper existiert nur ein erster Teil und von einer Aufführung ist nichts bekannt.

Verschiedene Varianten angespielt

Jetzt fanden sich die Noten zu einer Arie der Flacilla, allerdings, so der Dirigent von "Bachs Erben" Lorenzo Ghirlanda, gibt es keinerlei Tempoangaben in dem alten Notentext. Gemeinsam mit der Mezzosopranistin Antonia Munding haben Dirigent und Musiker Tempi und Dynamik ausprobiert. Den Zuhörern in Michaelstein wurden verschiedene Varianten angespielt vom raschen spritzigen Allegro über eine sehr kantable und zarte, langsame Variante bis zu einer Interpretation, in der sich beides wiederfindet, schnelle Beweglichkeit und emotionale Tiefe.

Interessant für die Zuhörer, dass scheinbar kleine Veränderungen, die gleichen Noten so unterschiedlich klingen lassen.

Diese Offenheit fürs Experimentieren war auch bei dem folgenden Werk gefragt, ebenfalls eine Uraufführung. Hans Rotmann hat ein Recitativo und Arioso nach Versen aus Dantes Divina Commedia komponiert, ein Stück, das die Emotionalität der "neuen" Händelarie aufnimmt, aber mit wirklich ganz anderen Mitteln darstellt und Neue Musik wird. Nach einem Übergang aus modernen Flötentönen, Dantes göttlichem Vogel gleich, entsteht aus langen dunklen Akkorden und einem atmenden und erregten Tremolo die Angstwelt des Purgatoriums. Die Mezzosopranistin singt ein bewegendes Rezitativ, bevor wieder der Flötenvogel den Übergang ins Licht ankündigt, das in einer Doppelarie von der Mezzostimme und der Sopranistin Lindsay Fundchal erreicht wird.

Durchkomponierter Dialog

Auch hier zeigte diesmal der Komponist am Pult, wie die Stimmen und Stimmungen seiner Musik in der lebendigen Interpretation durch die Musiker entstehen. Die Offenheit der jungen Musiker, die sie in der alten Musik trainiert haben, belebt auch die Neue Musik. "Das, was man bei einem normalen Berufsorchester mit wirklicher Mühe erarbeiten muss", so schwärmt Rotman, "bekam ich bei Bachs Erben geschenkt. Sie haben die Andersartigkeit der Musik sofort verstanden und hatten großes Vergnügen daran."

Rotmans "L’Uccel Divino" führte dann auch noch zur abschließendenden Sopranarie von Alessandro Stradella "Da chi spero aita", wunderschöne, ein wenig melancholische Bassvariationen, über denen sich die Sopranstimme erhebt, als flöge nun der Göttliche Vogel endgültig in den Himmel.

Nach dem Werkstattgespräch und dem Experimentieren erklangen alle Stücke im Zusammenhang wie ein durchkomponierter Dialog von Alter und Neuer Musik, spannend, schön und unbedingt weiterzuführen. Die jungen Barockmusiker sprachen sich auch für eine solche Fortsetzung aus.