Zu den Händel-Festspielen in Halle kommen jedes Jahr im Juni rund 50000 Musikfreunde aus dem In- und dem Ausland. Ebenso international besetzt ist die Riege der renommierten Künstler. Das Motto lautet in diesem Jahr: "Macht und Musik". Mit dem Intendanten Clemens Birnbaum sprach Ute Semkat.

Volksstimme: Für gewöhnlich spricht man von der Macht der Musik. Sie setzen die Begriffe nebeneinander. Welchen Zusammenhang wollen Sie herstellen?

Clemens Birnbaum: Wir stellen die Frage: Wie bemächtigen sich die Herrschenden der Musik, wie instrumentalisieren sie die Musik? Es gibt schon in der früheren Geschichte viele Beispiele dafür. Gerade auch Händel hat eine ungemein staatstragende Musik geschrieben, das brachte ihm immer wieder Aufträge vom englischen Königshaus ein. Nehmen wir Händels Te Deum und sein Jubilate zur Feier des Utrechter Friedens 1713 in der Londoner St. Paul\'s Cathedral. In den vorausgegangenen spanischen Erbfolgekrieg war ganz Europa verwickelt, es ging um die künftig dominierende Großmacht.

Auch die bekannte Feuerwerksmusik untermalte einst einen Staatsakt zur Feier des Aachener Friedens 1748. Offenbar funktioniert die Wirkung patriotischer Kompositionen auch noch drei Jahrhunderte später. Der Eingangschor der englischen Krönungshymne, die Händel 1727 für Georg II. komponiert hat, wurde zum Hymnenmotiv der Champions League.

Frage: Halles Händel-Festspiele gehen bis ins Jahr 1922 zurück, seit 1952 finden sie jährlich statt. Aber Halle hat mit diesem Festival auch Konkurrenz in Göttingen und Karlsruhe.

Birnbaum: Unter den drei deutschen Händel-Festivals ist Halle der einzige Veranstaltungsort, an dem der Komponist tatsächlich gelebt und gewirkt hat. Sein Geburtshaus steht hier, die Marktkirche war seine Taufkirche, im Dom hat er als junger Organist gespielt. Unsere Festivalbesucher kommen nicht nur, weil sich in Halle die Stars die Klinke in die Hand geben, sondern weil sie die Künstler an Händels Wirkungsstätten erleben können. Nennen Sie es den besonderen "local spirit".

Auch die Programmvielfalt ist größer als in Karlsruhe und Göttingen. Wir veranstalten Oper, Oratorien, Konzerte, genreübergreifende Programme ... Den Göttinger Kollegen, mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten, gestehen wir gern zu, dass ihr Festival ein Jahr älter ist. Der Gründer Oskar Hagen hatte in Halle Kunstgeschichte studiert und nahm nach Göttingen die Idee mit, dort eine Barockoper aufzuführen.

Volksstimme: Wie hält man so ein traditionsschweres Festival jung und lebendig?

Birnbaum: Wir haben in den vergangenen Jahren neue Veranstaltungsformen eingebracht, womit wir im internationalen Kalender der Musikfeste noch stärker berücksichtigt werden, und wir führen Händel mit anderen Musikkulturen zusammen. Zum Beispiel mit der Kunstmusik des osmanischen Reiches: In diesem Jahr wird es eine fiktive musikalische Begegnung der Marquise de Pompadour mit der Favoritin des osmanischen Sultans Süleymann geben, wir erwarten dazu das Pera Ensemble Istanbul zum dritten Mal als Gast unserer Festspiele.Sehr gespannt bin ich auch auf "Saudade - Il Lamento d\'Orfeo", einen Brückenschlag von der Hofmusik des 17. Jahrhunderts zum portugiesischem Fado, der aus den Armenvierteln Lissabons kommt. Der Sänger Antonio Zambujo zählt zu den derzeit besten Fado-Interpreten.

"Wir hinterfragen Händel auch für die Gegenwart."

Volksstimme: Besteht nicht die Gefahr, das Festival zu überladen und austauschbar zu werden?

Birnbaum: Das glaube ich nicht. Im Mittelpunkt der Festspiele steht immer Händel, zum Teil in der historischen Aufführungspraxis und immer von her- ausragenden Künstlern interpretiert. Aber wir setzen Händel auch in anderen Kontext, hinterfragen ihn für die Gegenwart und lassen seine Musik in der Sichtweise heutiger Künstler erzählen. Wenn man das nicht tut, kann ein Künstler aus einer anderen Zeit auch ziemlich verstaubt und tot sein.

Volksstimme: Sie haben bis 2009 neun Jahre lang das Kurt-Weill-Fest in Dessau geleitet. Wie bewerten Sie als gebürtiger Hesse das Musikland Sachsen-Anhalt?

Birnbaum: Mit Bach, Händel, Schütz, Telemann und Weill besitzt der mitteldeutsche Kulturraum ein herausragendes Erbe, wie es keine andere Musikregion vorweisen kann. Und es wird hier lebendig gepflegt. Telemann, Händel oder Weill haben hier zwar nur ihren ersten Lebensabschnitt verbracht. Aber bekanntlich werden in den Jugendjahren die Fundamente aufgebaut. Ihre Lehrjahre waren eingebettet in die fruchtbare Bildungskultur ihrer Region.

Volksstimme: Was ist so besonders an dieser Bildungskultur?

Birnbaum: Im protestantischen Mitteldeutschland sind Bildung und musikalische Ausbildung stark durch das Lutherische geprägt worden. Luther hat die Musik hochgeschätzt, an den lutherischen Gymnasien gab es eine Musikerziehung. Während anderswo noch an den Höfen nur italienisch gesungen wurde, sind hier protestantische Liedtexte auf Deutsch vertont worden. So entstand hier ein ganz anderes Verständnis für Musik. Ich glaube, das hat einen weit wichtigeren Grundstein gelegt, als man heutzutage wahrnimmt.

 

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