Das Wetter auf dem Berg in Thale war saukalt, windig und nebelig. Die leicht bekleideten Darsteller des "Hair"-Rockmusicals aber leisteten in der Premiere am Sonnabend Beachtliches. Es gab Szenenapplaus nach jedem Song.

Thale l Regisseur Klaus Seiffert, Choreograf (und Darsteller) Mario Mariano und der musikalische Leiter Gerald Meier ließen mit dem Opern- und Schauspielensemble, mit Ballett, Orchester und zahlreichen Hobbytänzern des Nordharzer Städtebundtheaters ein wichtiges Stück Jugendkultur der späten 60er Jahre lebendig werden. Die Geschichte von Gerome Ragni und James Rado (Buch und Text) mit der Musik von Galt McDermot in einer Fassung von Klaus Seiffert verfehlte ihre Wirkung nicht.

Das vorwiegend junge Publikum war begeistert, weil hier das Lebensgefühl seiner Generation verhandelt wurde - wenngleich auch die Flower-Power-Bewegung, der Drogenkonsum zur Milderung der Zukunftsangst, die Ablehnung des US-Establishments und vor allem des widersinnigen Vietnam-Krieges vor völlig anderem gesellschaftlichen Hintergrund stattfanden: Die Wehrpflicht wurde 1973 abgeschafft; der Krieg und das Sterben im Irak und in Afghanistan betraf nicht mehr alle; der 11. September 2001 hatte einen starken Patriotismus bewirkt.

Leben im Zeichen des Wassermanns

So scheint das Zeitgefühl der "Hair"-Generation vor 45 Jahren wie die Botschaft aus einer unwiederbringlichen Epoche. Leben im Zeichen des Wassermanns - in Frieden und persönlicher Freiheit, was vor allem die Befreiung von sexuellen Zwängen und Heuchelei der Elterngeneration meinte. Das ist weitgehend erreicht ...

"Hair" hat keine durchgehende Handlung. Die Gruppe der Teenies und Twens macht\'s. Aus dem großen Tanzensemble treten die unterprivilegierten Hauptpersonen holzschnittartig hervor: Claude (großartig Florian Peters), seine Freunde Berger, gerade von der High School geflogen (Tobias Amadeus Schöner), der Farbige Hud (Mario Mariano) und Woof (Patrick Stauf). Sie alle leben auf den Straßen der Großstadt und scheitern an bürgerlichen Normen und Erwartungen, wie sie von Claudes Eltern an den Sohn herangetragen werden.

Arme Schweine - und doch reich

Arme Schweine. Und doch von größtem Reichtum - an Fantasie, an der Lust, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sie probieren sich aus. Die Studentin Sheila (Illi Oehlmann sprang kurzfristig für ihre bei der Probe am Morgen stimmlos gewordene Kollegin Julia Siebenschuh ein) erwartet von Berger ein Kind und organisiert einen Protestmarsch.

Bei einem "be in" treffen sie sich friedlich. Mit Transparenten wie "Frieden jetzt", "Nazis raus!", "Kein Krieg in Syrien" und "Theater muss sein". Da wirkt die Aktualisierung allerdings aufgesetzt. Muss nicht sein - die Zuschauer denken doch selber mit. 1967, 1968 aber waren Hare-Krishna-Gesänge, Bergers Ablegen der Kleider und Nacktheit und vor allem die Frage Claudes wichtig: "Wo geh\' ich hin?" Er verbrennt seinen Gestellungsbefehl nach Vietnam. "Die Weißen schicken die Schwarzen in den Krieg gegen die Gelben, um Land zu verteidigen, das sie den Roten gestohlen haben" - "Hair" bietet kluge Analysen.

Seiffert und Mariano schufen mit Darstellern und Tänzern einen zeitlich wie räumlich weit gespannten Bogen. Die Situation der Indianer wird ebenso beleuchtet, wie Präsident Johnson im "LBJ"-Song verspottet wird. Vor allem im zweiten Teil gelingen ihnen assoziativ-einprägsame Bilder, wie mit dem elektrischen Blues oder mit "3-5-0-0" - der Zahl der 1965 in Vietnam gelandeten GIs. Die letzte Szene zeigt Claude, der wirklich in den Krieg ziehen muss...

Die Inszenierung war ungeheuer stark im Tänzerischen, Sängerischen und Musikalischen. Das Harzer Bergtheater in seiner Simplizität, mit Kastanien und Eichen im Nebel, ließ sich wegdenken.