Magdeburg. Einen neuen Blick auf seine Sammlung erhofft sich der Historiker Jochen Kienzle in Magdeburg. Zu seinen Schätzen zählen vor allem Bilder unbekannter aber ambitionierter Künstler.

Wenn am 6. Juli das Kunstmuseum Magdeburg seine neue Ausstellung "Keine Parole! Malerei - Aktion - Konzept" eröffnet, feiert es eine Premiere. Denn es zeigt als erstes Museum die Sammlung des 1959 im Schwarzwald geborenen Kunsthistorikers Jochen Kienzle. In den eigenen Räumen seiner Kienzle Art Foundation in Berlin-Charlottenburg können immer nur kleinere Ausschnitte vorgestellt werden. In Magdeburg sollen die Kunstwerke auf 500 Quadratmetern inszeniert werden.

Kienzle ist seit der großartigen "Arte Povera"-Ausstellung 2003 begeistert vom Kunstmuseum Magdeburg und seinen wunderbaren Klosterräumen samt Kreuzgang. Damals lieh er dem Museum Werke des Italieners Emilio Prini. Jetzt lässt er Museumsdirektorin Annegret Laabs und ihrem Co-Kurator, Direktor des Kunstmuseums Vaduz in Liechtenstein Friedemann Malsch, freie Hand bei der Auswahl aus mehr als 700 Werken. Annegret Laabs hat ihre Wahl schon getroffen. Sie will die US-amerikanische Malerei aus der Sammlung in den Mittelpunkt stellen. "An den amerikanischen Positionen der Sammlung ist besonders interessant, dass die Künstler einen Weg aus der Konvention suchen. Diese Malerei ist weit weg von allem Figürlichen und Konkreten und öffnet den Horizont für Neues. Sie ist unkonventionell und offen für alles", sagt Laabs.

Helfen wird Kienzle den Kuratoren bei der Auswahl der Werke nicht. Denn er will sich gern überraschen lassen und schätzt einen neuen, anderen Blick auf seine Sammlung, deren erstes Werk er 1984 kaufte. Es war ein Bild des Amerikaners Jonathan Lasker. Hinzu kamen Werke von Emil Schumacher, Franz Erhard Walther, Michael Ballou, Jack Goldstein, Ketty La Rocca, um nur einige aufzuzählen.

Zu behaupten, dass die meisten unbekannt sind, wäre falsch, denn viele waren documenta-Künstler, Michael Ballou hat gerade eine große Einzelausstellung im Brooklyn-Museum in New York, Jack Goldstein wurde 2009 in Frankfurt am Main gefeiert. Doch zu denen, die jeder kennt und die deshalb jedes Museum ausstellen möchte, gehören die meisten Kienzle-Künstler nicht.

Und das ist durchaus gewollt. Kienzle interessiert sich für Kunst, die nicht dem jeweils aktuellen Trend hinterherhechelt. Er bevorzugt Künstler, die suchen, probieren, Grenzen überschreiten und Neues finden. Eine Sammlung etablierter Positionen von bekannten Künstlern wäre dem ausgebildeten Tischler, studierten Kunsthistoriker und ehemaligen Galeristen Jochen Kienzle daher viel zu langweilig. Vielschichtigkeit, eine eigene Kunstsprache, ein intellektuelles Programm, Brüche machen den Sammler neugierig. Und diesen Spaß am Neuen, diese Offenheit für Schwieriges wünscht sich der Sammler auch von den Betrachtern. "Ein Ausstellungsbesucher erklärte mir einmal, dass er nichts von der Kunst in meinen Ausstellungen verstehen würde. Aber er verlasse die Ausstellungen angeregt und voller neuer Gedanken", erzählt Kienzle und ergänzt: "So soll es sein."

Dass aus dem Galeristen und Kunsthändler Jochen Kienzle der Nur-Noch-Sammler Kienzle wurde, war nur logisch. Denn seine Galerie, die er 1997 in Berlin gründete und wenige Jahre später wieder aufgab, war immer mehr eine Unterstützer- und Vermittlergalerie als eine Verkaufsgalerie. In Magdeburg wird er für Gespräche viel Gelegenheit haben, denn Annegret Laabs plant neben Führungen auch ein Sammlergespräch.

"Museen können nur bestehen, wenn sie mutig sind und nicht immer nur ausstellen, was alle ausstellen", sagt Jochen Kienzle. Den Mut der Magdeburger, seine Sammlung zu zeigen, will er deshalb unterstützen. Auch, weil "kleinere, innovative Museen oft bei der Kulturförderung übergangen werden."

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