Von Liane Bornholdt

Magdeburg. Der Jazzpianist, Komponist, Arrangeur und Bandleader Hannes Zerbe gehört seit Jahrzehnten zu den großen Namen des ostdeutschen Jazz. Anfang der 70er Jahre begleitete er mit seiner Band die afroamerikanische Sängerin Etta Cameron auf ihrer Tournee durch die Kirchen der DDR. Später wurde die Hannes-Zerbe-Blechband berühmt, mit Projekten, in denen Neue "klassische" Musik und Jazz zusammenflossen. Der Jazzpianist musiziert auch mit Kammermusikensembles, mit Soloinstrumentalisten und spielt neben eigenen Werken auch viel Musik der 20./21. Jahrhunderts.

Jetzt spielt Zerbe mit einer klassischen Big-Band-Besetzung, und diese Big Band war am Montagabend Gast bei "Jazz in der Kammer" im ausverkauften Foyer des Magdeburger Schauspielhauses. Es handelt sich aber doch nicht um eine klassische Swingband. Es ist ein unkonventionelles Jazzorchester mit dem Projektnamen Prokopätz, das vor allem Kompositionen von Hannes Zerbe spielt und einige Titel des Holländers Willem Breuker, eine Musik, die auch und wieder genauso gut Modern Jazz ist wie sie Neue Musik ist.

Was in Magdeburg zu hören war, hat vom ersten Stück an das Publikum begeistert. Zerbe hat einen ganz eigenen und eigentümlichen, wirklich in jeder Hinsicht unkonventionellen Sound für das Orchester gefunden, der sich durch feinste Schichtungen des Klangs auszeichnet, in denen jede Klangfarbe, ja jedes einzelne Instrument seinen ganz besonderen Platz hat. Zerbe ist ein Perfektionist, der jedes noch so kleine musikalische Detail beachtet, etwa, wenn zum weichen Klang des Solosaxofons ganz feine, trockene Trommelschläge erklingen oder der vollständige Bläsersatz sich unversehens auflöst in klagenden Gesang, wenn in ein Posaunenglissando der glitzernde Diskant des Flügels einstimmt und dahinein das Orchestertutti einen düsteren Marsch spielt. Man wird als Zuhörer ständig gefordert, die vielen musikalischen Bilder im Panorama zu entdecken, zu verfolgen und sich überraschen zu lassen.

Dennoch erscheint die Musik dieser Band voller Leichtigkeit, wirkt trotz, oder doch eigentlich wegen dieser Perfektion improvisatorisch, manches wie zufällig aus der Eingebung des Augenblicks entstanden.

Dabei "versteckt" Zerbe auch eine ganze Jazz- und Musikgeschichte in seinen Stücken. Mal erklingt ein Choral, mal auch einige Bluestakte, mal klingt Karibisches durch und auch die Fröhlichkeit der Marching-Bands aus New Orleans. Aber jedes der Stücke sind neue Kompositionen und viel mehr als Reminiszenzen. Sie lassen die Quellen und Ströme echter Weltmusik zusammenfließen, ein aufregendes Erlebnis für jeden Musikliebhaber.