Von Claudia Klupsch

Magdeburg. Unvorstellbar, was der alte Mann ertragen muss(te). "Hinter den Rosen" blickt in die Seelenlage eines Mannes, der Auschwitz überlebte. Der der Hölle entkam. Der in der Endlosschleife schrecklicher Erinnerungen Qualen leidet. "Hinter den Rosen", das wichtigste Werk des amerikanischen Komponisten Marc Neikrug, hatte am Donnerstagabend unter der Regie von Christian Poewe Premiere am Theater Magdeburg.

Im Zentrum des 1980 uraufgeführten Stückes steht ein Mann, der überlebte, weil er Musiker war. Als Geiger im Lagerorchester diente er dem Zeitvertreib der Schergen, die doch die Klassiker so liebten. Im Garten des Lagerkommandanten spielte er ihnen Beethoven, Bach, Mozart. Hinter den Rosenhecken: das Vernichtungslager, das Grauen, das Morden. Die furchtbaren Erlebnisse, die Bilder von Leichen, bläulich und grau, haben sich in seine Seele eingebrannt, ebenso wie die Musik, die er spielen musste.

Eine ergreifende Nähe zur Figur

Die Bühne von Alrune Sera symbolisiert die Gedankenwelt des alten Mannes. Kraftlos versucht er Ordnung zu schaffen in einem Berg aus Kleidung - unzählige Hosen, Jacken, Hemden. Kleidung von Menschen, die mit ihm in Auschwitz waren. Von Toten. Von Toten, die in seiner Seele geistern.

Das Musikdrama schafft in seiner Symbiose aus theatralischen und musikalischen Elementen eine ergreifende Nähe zur Figur, lässt mit ihr fühlen, mit ihr leiden. Ein großartiger Friedhelm Eberle zeigt einen schwer traumatisierten alten Mann, gepeinigt von innerlichen Schmerzen, zerfressen von der Last, überlebt zu haben. Bewusste Erzählung und schreckliche Träume, klare Reflektion und tranceartige Erinnerung wechseln in seinem Monolog.

Psychogramm eines zerstörten Menschen

Die Musik schafft eine zweite Mitteilungsebene, räumlich schimmert quasi eine zweite Bühne, die der Musik, durch. Unter der Leitung von Jovan Mitic interpretieren die Musiker der Magdeburgischen Philharmonie die ungewöhnliche Musik Neikrugs auf den Punkt. Rhythmus und Melodie sind durchbrochen, verzehrte Zitate dringen durch, manchmal scheinen die Instrumente frei zu improvisieren. Bühnengeschehen, Text und ein verworrenes Melodieempfinden bilden das eindringliche Psychogramm eines zerstörten Menschen und zeigen auch die Verzweiflung über eine vergewaltigte Liebe - der Liebe zur Musik.

Welche Qual muss es für ihn sein, sich immer wieder erinnern zu müssen, wie er "abgestumpft" spielt und spielt, während seine Freundin zu Tode geprügelt wird, sie sich zu seiner Musik ein letztes Mal aufrichtet. "Sie starb mit einem Lächeln, so seltsam vertraut…" Die Magdeburger Inszenierung von "Hinter den Rosen" ergreift die Seele, die gezeichneten Bilder des Holocausts dringen ins Innerste, machen fassungslos, traurig, drücken nieder. Beim langanhaltenden Beifall fließen Tränen im Publikum.