Untersucht das Kunstmuseum Wolfsburg anhand des Werkes Alberto Giacomettis und zeitgenössischer Künstler den Ursprung des Raumes, wendet sich der viel kleinere, aber sehr agile Kunstverein "Talstrasse" in Halle an der Saale dem gleichen Thema unter dem Titel "Das Phänomen des Raumes" zu, indem hier auf den Spuren hallescher Bildhauertradition fast ein ganzes Jahrhundert der von der Kunsthochschule Burg Giebichenstein beeinflussten Bildhauerei untersucht wird.

Halle. Die Giacometti-Ausstellung in der halleschen Talstraße liegt erst ein gutes Jahr zurück und schon wenden sich die Ausstellungsmacher wieder der Bildhauerei zu. Das ist allerdings auch ein Thema, das an der Saale mehr als auf der Hand liegt. Als dort 1915 die Neuorganisierung der Schule auf der Burg Giebichenstein begann, trat auch bald Gustav Weidanz sein Lehramt an. Die Kunstgeschichte sieht hier den Beginn der halleschen Bildhauerschule, der bis zum heutigen Tag viele prominente Künstler zugeordnet werden. "Wir wollten darstellen", sagt der Vorsitzende des Kunstvereins, Matthias Rataiczyk, "wo Gustav Weidanz künstlerisch ansetzte, als er von Berlin nach Halle kam."

Eindrucksvoll wird diese Frage in der Talstraße mit Beispielen beantwortet. Aristide Maillol und vor allem Wilhelm Lehmbruck waren Leitbilder von Weidanz. Weitere Prominenz, die zu diesem Umfeld zu zählen ist, wird von Hermann Blumenthal und den späteren Lehrern an der Burg, Gerhard Marcks, Karl Müller, Waldemar Grzimek und Gerhard Lichtenfeld und anderen, verkörpert. Lichtenfeld-Schüler wie Wilfried Fitzenreiter, Martin Wetzel, Bernd Göbel und der leider nicht in der Ausstellung vertretene Magdeburger Bildhauer Heinrich Apel hielten auf ganz eigene Weise an der von Weidanz begründeten Tradition fest, was die sehr dicht, aber gekonnt gestellte Ausstellung eindrucksvoll belegt. So ist die Vorliebe für das Figürliche allen hier vertretenen Künstlern geblieben, auch wenn jeder seine individuelle Handschrift fand.

Bis in die Gegenwart hinein prägte Bernd Göbel als Professor für Bildhauerei den Nachwuchs. Sein Nachfolger, der Magdeburger Telekom-Preisträger von 1995, Bruno Raetsch, braucht dazu noch Zeit. Leider ist er mit eigenen Arbeiten nicht an der Ausstellung beteiligt. Dass sich aber mit den nach etwa 1960 geborenen jüngeren Bildhauern auch ein neues Erscheinungsbild der Szene einstellt, lässt sich im zweiten Teil der Ausstellung, der im Kunstforum der Saalesparkasse zu sehen ist, gut ablesen. Steffen Ahrens (1962) bleibt noch ablesbar direkt in der Nach-Weidanz-Tradition.

Marc Fromm (1971), Stephan Voigtländer (1965) und Anne Karen Hentschel (1979) setzen neben der Farbe auch für die hallesche Schule ungewohnte Materialien ein. Martin Roedel (1975) ist der junge Bildhauer, der sich am deutlichsten von der Tradition entfernt, auch wenn in seinem Umgang mit geometrischen Formen wieder Figürliches en miniature auftaucht.

Mit den Vorbildern, den langjährigen Lehrern und den jüngsten Absolventen zeigt sich in Halle eine äußerst vitale Bildhauerszene, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

Die Ausstellung ist bis zum 27. Februar zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Katalog mit 56 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und einem Text von Heinz Schönemann erschienen.

Weitere Informationen: Kunstverein "Talstrasse", Halle, www.kunstverein-talstrasse, Kunstforum Halle, Bernburger Straße 8, www.kunstforum-halle.de

 

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