Ich bin emotional mit Kühen verbunden. Das liegt in meiner Kindheit begründet. Damals hütete ich, da Elektrozäune noch nicht üblich waren, die Kühe unseres Nachbarn. Nicht aus bitterer Armut, wie zu vermuten ist. Sondern auf Geheiß meines Vaters, der meinte, Arbeit schändete nicht. Außerdem glaubte er wohl, bei dem einsamen Verweilen in der Natur hätte ich Zeit zum Nachdenken und dabei wüchsen mir ungeahnte geistige Kräfte zu.

Ob das Ganze tatsächlich der Entwicklung meiner Intelligenz zugute kam, sei dahingestellt. Jedenfalls dankten meine Kinder es mir, dass ihnen solch eine Art Förderung erspart geblieben ist.

Ich hatte tatsächlich mehr als genügend Zeit. Und die schwarzweißen Tiere zeigten sich im Großen und Ganzen sehr kooperativ und so entwickelte sich eine Art Zuneigung. Und wenn ich heute durch Wiesen und Felder gehe und sehe eine Herde Kühe friedlich weiden, dann ist das beglückende Gefühl wieder da. Und das Milchvieh ist für mich ein Symbol dafür, dass die Umwelt jedenfalls hier noch in Ordnung ist.

Und dabei fällt mir sofort der Naturschutz ein. Landschaftsschutzgebiete und einzelne Objekte, die als besonders schützenswert gekennzeichnet sind. Im Osten durch eine hockende Eule, im Westen durch einen fliegenden weißen Vogel von nicht genau zu bestimmender Art. Und nun lässt sich denken, dass mir ein weiteres Symbol nötig erscheint. Eine Kuh. An jeder Koppel ein Schild, das auf den schützenswerten Status des Areals mit seinen Lebewesen verweist.

Das Rindvieh unter besonderen Artenschutz zu stellen, ergibt sich aus einer neuen Studie, nach der die Kuh besonders umweltschädlich sein soll. Gefährlicher als das Auto und noch viel belastender als eine ausbrechende Ölquelle unter dem Meer. Das Übel wird am Rülpsen der Kühe festgemacht, was fachmännisch gesagt, ein Ruktus ist.

Wobei ein Gas durch Zusammenziehen des Pansens der Kuh über Speiseröhre und Rachen nach draußen kommt. Was alle vierzig Sekunden passiert. Dieses Gas nun besteht aus Methan, brennbar und geruchlos mit einem Treibhauseffekt 23-mal stärker als CO2. Steigt aus dem Rindermagen in die Atmosphäre und legt sich wie eine Decke um den Erdenball.

Wird eine Kuh nur drei Jahre alt, erzeugt sie so viel Treibhausgas wie ein Mittelklassewagen auf einer 900-km-Fahrt. Lässt sich leicht ausrechnen, wie viel ein Auto fahren kann, wenn man allein die Kühe meines Dorfes in Rechnung stellt. Aber die Wissenschaftler haben wie immer eine Lösung parat. Stallhaltung mit Filtern vor Fenster und Tür. Oder einfach die Empfehlung, Ente, Pute und Huhn zu essen statt Beef. Wie man Milch ersetzen kann, sagen sie noch nicht. Keine gute Zukunft also für einen Naturfreund wie mich, zumal ich mich für Putenfleisch nur schwer begeistern kann.

Eigentlich bin ich ein Freund der Wissenschaft. Aber dass Forscher eine Kuh namens Sprüngli in eine Kammer sperren und alle sechs Minuten ihre Abgase messen, geht mir dann doch einen Schritt zu weit.

Ich hoffe, es geht ihnen gar nicht um Kühe. Vielleicht sind sie auch von der Autoindustrie gekauft und nur auf Verharmlosung der Kraftwagen aus.

Aber Naturschützer wie ich sind wachgerüttelt. Nicht, dass es den Gefährten meiner Kindheit bald wie den Büffeln des wilden Westens an den Kragen geht. Und nur noch Einzelexemplare in Tiergärten zu bewundern sind.

Martin Meißner ist Schriftsteller in Sachsen-Anhalt.