Magdeburg l Da kommen sie, graben sich aus den Zuschauerreihen empor auf die Bühne. Frauen in kurzen Kleidern, Weibspersonen unterschiedlichen Alters verwandeln sich in ein kollektives kittelschürzentragendes Individuum. Sie legen ihre je eigene Weiblichkeit ab, werden zu Hexen. Sogar "schmutzige Bärte" werden ihnen nun angedichtet, Männerattribute. Warum sich die Frauen so "verhext" haben, wird sogleich klar. Jede von ihnen erfuhr körperliche, seelische und immer wieder sexuelle Gewalt.

Sie ertrugen eine traumatisierte Jugend, landeten im Irrenhaus von Bürokratie und Justiz. Sie erlebten die Gewalt der Macht im Haus, in der Freizeit, im Beruf, ausgeübt überwiegend von Männern. Als Hexen können sie sich entziehen und sich rächen. Es geht ganz einfach. Hier eine düstere Prophezeiung, da ein Blick durch den Hexenkessel in die Zukunft und schon bringt sich der ganze Machtapparat gegenseitig um.

Wir reden von Giuseppe Verdi und seiner Shakespeare-Oper "Macbeth", die in einer Inszenierung Volker Löschs am Sonnabend in Magdeburg Premiere hatte.

Figuren sind durch Kostüme denunziert

Lady Macbeth übrigens geht den umgekehrten Weg. Anfangs zu den Hexen gehörend, legt sie ihre Kittelschürze ab und schlägt sich auf die Männer-Macht-Seite. Es wird ihr nicht bekommen. Das Programmheft behauptet, sie geht als Undercover-Hexenagentin ins Machtzentrum des Gegners. Mag sein. Gespielt wurde dies nicht.

Die Texte der "Magdeburger Hexen" waren stark, ihr Vortrag hatte Kraft und was sie sagten, ließ Menschen klatschen, tiefe Stimmen buhen, provozierte Gespräche auch nach der Vorstellung. Sie schonten auch Namen aus Sachsen-Anhalts Landesregierung nicht.

Die Hexenfrauen im von Bernd Freytag sehr gut einstudierten Chor zuerst sprechend und danach choreografisch in den singenden Chor der Verdi-Shakespeare-Hexen einzugliedern, war die beste und eine dem Genre Oper wirklich entsprechende Regie-Idee Volker Löschs. Leider auch die einzige.

Er und sein Team, alle müssen im Übrigen stocktaub und völlig unmusikalisch sein. Wie sonst könnte man sich erklären, dass keiner von ihnen der Kraft der Musik auch nur im Ansatz vertraute. Die Stärke des Kunstwerks Oper, was es kann und vermag, wurde nicht einmal getestet, geschweige denn ausgereizt. Im Gegenteil.

Die Figuren sind durch lächerliche grellfarbige Kostüme, Fantasieuniformen und schottenkarierte Nachthemden von vornherein denunziert. Dass derart zu Playmobilmännchen reduzierte Personen dann auch nicht im Ansatz Musik-Theater spielen, kann kaum mehr verwundern. Dass sie durch bühnenhohe Bildprojektionen auf der Rückwand der leeren Szenerie optisch auch noch zur Streichholzgröße reduziert werden, macht die Sache ärgerlich.

Vollends unerträglich ist der Inhalt der riesigen comicgrellen Bilderfolgen. Plattere Assoziationen kann man einem Publikum nicht aufdrängen: Zum Königsmord an Duncan sieht man die Schüsse auf Kennedy, zum Chor "Patria oppressa", "Unterdrücktes Vaterland", gibt es Reportagebilder notleidender Flüchtlinge, zur Siegeshymne nach der finalen Schlacht glitzert alles Elend dieser Welt vom Kleinkind auf einem Müllberg bis zur übervollen Fleischtheke im Zeitraffer auf das Publikum ein. Man blendet das XXL-Geflimmer aus, zu bunt.

Dankenswerterweise ließ sich Kimbo Ishii-Eto von all der Soße um den Braten "Macbeth" nicht beeindrucken. Er musizierte mit dem bestens präparierten Orchester einen fast demonstrativ unaufgeregten, einen kontemplativen und nachdenklichen Verdi. Macbeth\' fahle Nachtgedanken, der Lady triumphales Trinklied, das Zittern ihres Herzschlages in der Stunde des Todes, die fugierte Schlachtmusik, alles gewann nahezu szenische Gestalt im Orchester. Andererseits, wo nötig und möglich, entfaltete er mit dem Chor den durchschlagenden Sound der Macht.

Den Stimmen der Sänger musste das kostümierte Konzert entgegenkommen. Es wurde großartig gesungen. Karen Leiber hatte genau die nötige Schärfe der Attacke, welche für die Partie der Lady Macbeth nötig ist. Ihre große Wahnsinns- und Todesszene sang sie jedoch ganz diesseitig, eher als Anklage denn als ein fragiles Verlöschen von Geist und Körper. Johannes Stermann steuerte als Duncan einmal mehr seine selten schöne und geschmeidige Bassstimme bei. Leider fällt er dem mordenden Dolch zu schnell zum Opfer; auch Iago Ramos darf seinen feinen Tenor als Macduff nur kurz hören lassen.

Dunkle Kraft strömt aus Bariton Adam Kims

Verdis dramaturgischer Verstand billigte dem leidenden "Guten" nur einen flüchtigen Moment zu. Mit dunkler Kraft strömte der Bariton Adam Kims. Er gab einen Macbeth, dem niemand das zögerliche, seelisch instabile, am Ende völlig irrwitzige dieser Figur stimmlich-gestisch abverlangt hatte. Kims Macbeth ist wunderbarer dunkler Belcanto, ist ein gedrungenes Kraftbündel von vokaler Kulinarik. Wiederum: Augen schließen und genießen. Hier, das wissen alle guten Opernregisseure, muss eine musikalische Inszenierung ansetzen.

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