Begegnungen mit Alberto Giacomettis Kunst sind keine Rarität. In den letzten zwei Jahren waren seine Werke im Lehmbruck Museum Duisburg, im Musée d’Art et d’Histoire Zürich, in der Galerie Talstraße in Halle/Saale und in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen und wurden jeweils von Publikationen begleitet. Und trotzdem ist die Retrospektive des reifen Werkes in Wolfsburg eine Sensation, denn nie zuvor wurde so explizit die Rolle des Raumes für Plastik abgehandelt und verdeutlicht.

Wolfsburg. Etwa 60 Skulpturen und 30 Gemälde, dazu einige Zeichnungen von Alberto Giacometti (1901-1966) werden im Kunstmuseum Wolfsburg auf 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche inszeniert. Zwar ist jede gute Ausstellung auch eine Inszenierung, aber hier ist sie etwas ganz Besonderes. Die Ausstellung geht der raumschaffenden Kraft der Skulpturen nach.

Da werden mittels Ausstellungsarchitektur eigens Räume gebaut, Durchbrüche und Durchblicke geschaffen, da wird mit Licht und Schatten gearbeitet und selbst die Lichtkunst des James Turrell, zuvor gerade in Wolfsburg eindrucksvoll zu erleben, findet Anwendung, indem zwei Skulpturen in einen separaten Raum mit diffus-gleißendem LED-Licht gestellt werden.

Ein weiterer Vorzug der Wolfsburger Ausstellung ist, dass nicht nur etwa 20 Fotos von Ernst Scheidegger den Künstler und sein Atelier in die Ausstellung holen, sondern auch Arbeiten von Joseph Marioni, Bruce Nauman, James Turrell und Franz West Bezüge zur Kunst Giacomettis herstellen, sozusagen in einen Dialog treten. Die externe Ausstellung "Verortungen – Die Frage nach dem Raum in der zeitgenössischen Kunst" baut dieses Thema dann in der oberen Etage noch weiter aus. Aber Giacometti zieht in der Ausstellungshalle immer wieder an, und es gibt unendlich viele Entdeckungen bei ihm zu machen.

Immer wieder neue Entdeckungen

"Und das Abenteuer, das große Abenteuer besteht darin, in ein und demselben Gesicht jeden Tag wieder etwas Unbekanntes hervortreten zu sehen, das ist großartiger als alle Reisen um die Welt", schrieb Giacometti 1962. In Wolfsburg kann der wahre Kunstfreund diese Abenteuer und Entdeckungen vielfach erleben. Besonders spannend dabei sind die Installationsansichten, die bei wechselnden Positionen des Betrachters immer wieder neu zu sehen sind.

Seit 1947 werden die langen, ausgedünnten Figuren immer deutlicher zum "Markenzeichen" Giacomettis. Sie schwanken zwischen "Erscheinungen" und "Entschwindungen" stellte Jean-Paul Sartre fest. "Und gerade dadurch, dass seine Gestalten dazu bestimmt sind, in derselben Nacht, da sie entstehen, wieder zu vergehen, bewahren sie als einzige unter allen mir bekannten Skulpturen die ungewöhnliche Anmut der Vergänglichkeit. Nie war Materie weniger ewig, zerbrechlicher, menschlicher", schrieb Sartre in seinem Text "Die Suche nach dem Absoluten" für die Giacometti-Ausstellung bei seinem New Yorker Galeristen Pierre Matisse 1948.

Monumentalität einer kleinen Plastik

Der Künstler hat Zeit seines Lebens an der Gültigkeit seiner Werke gezweifelt, auch deshalb sind sie zeitweise immer kleiner geworden. Welche Monumentalität aber auch eine an Zentimetern kleine Plastik entfalten kann und welche Rolle dabei der Raum spielt, wird unter anderem mit dem 8,4 Zentimeter großen "Kleiner Mann auf Sockel" (1940/41) oder der "Kleinen Büste auf doppeltem Sockel" (1940/41, Höhe 11,4 cm) sinnfällig vorgeführt. Sie verweisen aber nicht nur auf die Forderung nach Raum, sondern auch nach dem Sockel. Hier war Giacometti sehr erfinderisch. In der Skulptur "Der Käfig" von 1950 lässt er für die stehende Frauenfigur und die Männerbüste die Schauvitrine gleich mit in Bronze gießen oder mit der "Kleinen Figur in einer Schachtel zwischen Schachteln, die Häuser sind" (1950) schafft er ein weiteres Miniaturmöbel aus Bronze und Glas.

In den Stehenden aus verschiedenen Jahren und verschiedenen Geschlechts finden wir ebenso wie in den Köpfen die Giacometti typische statuarische Ruhe, die gleichzeitig flimmernde Unruhe sein kann und sich in den Schreitenden noch viel stärker ausbreitet. Es tut dann immer gut, von den Plastiken zu den Malereien und Zeichnungen zu wechseln. So wie die maßgeschneiderte Ausstellungsarchitektur ihren ganz eigenen Rhythmus vorgibt, kann der Betrachter durch solche Wechsel auch seinen Rhythmus und seine Melodie bestimmen.

Die Ausstellungsmacher konstatieren, dass Giacometti "mit seiner völlig neuartigen Auffassung der menschlichen Figur zu Raum und Zeit buchstäblich als der Erfinder des virtuellen Raums gesehen werden kann". Das wurde in Wolfsburg dick unterstrichen.

Die Ausstellung ist bis zum 6. März 2011 im Kunstmuseum in Wolfsburg und anschließend im Museum der Moderne Mönchsberg in Salzburg zu sehen.

 

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