Vier Jahre nach dem oscargekrönten Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" legt Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck einen neuen Film vor. Mit Angelina Jolie und Johnny Depp hat er für den Hollywood-Thriller "Der Tourist" eine hochkarätige Besetzung vorzuweisen. Im Gespräch mit der Nachrichten?agentur dpa erzählt der Vorzeige-Regisseur, wie die Dreharbeiten mit den Superstars liefen und warum er auch gern leichte Unterhaltung macht.

Frage: Bei dem Film gab es ja im Vorfeld einige Hürden und Probleme. Verschiedene Schauspieler und auch Sie sollen aus- und wieder eingestiegen sein, bevor es losging. Wie ist es unter dem Strich gelaufen?

Florian Henckel von Donnersmarck: Das wurde übertrieben dargestellt. Manchmal ist es so, dass die Branchenblätter von den Studios und Agenten dazu eingespannt werden, die Lage möglichst dramatisch darzustellen, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. In Wirklichkeit war es alles sehr viel weniger dramatisch, als es sich in der Presse las. Insgesamt ist es alles sehr gut gelaufen. Es war wirklich angenehm und harmonisch und eine wunderbare Erfahrung.

Frage: Angelina Jolie hat zur Bedingung gemacht, dass Sie Regie führen. Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Henckel von Donnersmarck: Angelina war mit dem ursprünglichen Drehbuch nicht glücklich und hat gesagt, wenn es dich interessiert, das neu zu schreiben und die Regie zu führen, bin ich dabei. Wir waren dann vom ersten Treffen an auf einer Wellenlänge – das war ein sehr schöner, vertrauter Austausch. Sie ist ein sehr kreativer, einfallsreicher Mensch.

Frage: Jolie spielt zum ersten Mal mit Johnny Depp. Wie war die Chemie zwischen den beiden?

Henckel von Donnersmarck: Bevor ich Johnny das Angebot wirklich unterbreiten konnte, wollte ich die beiden zusammen sehen. Und da war für mich vom ersten Augenblick an klar, dass es funktioniert. Es war irgendwie die richtige Form von Spannung in der Luft. Und ich glaube, man sieht das auch auf der Leinwand, wie sie sich gegenseitig die Bälle zugespielt haben. Es war ein großer Spaß am Set. Wenn ich alles Lachen zusammenschneiden würde, kämen mehrere Stunden zusammen, wo Angelina sich einfach über Johnnys Witze kaputtlacht und ich noch nicht mal "Cut!" sagen kann, weil ich auch so am Lachen bin.

Frage: Für Sie ist es der erste Film seit dem Oscar – steht man da sehr unter Erwartungsdruck?

Henckel von Donnersmarck: "Ich glaube, der Druck ist nie mehr so groß wie vor dem ersten Projekt. Das erste Projekt entscheidet darüber, ob man weiter als Regisseur wird arbeiten können. Jetzt entscheidet der Erfolg des Films vielleicht höchstens, mit welchem Budget ich beim nächsten Film arbeiten kann. Und das ist nicht so entscheidend für die Qualität eines Films. Es macht zwar Spaß, wenn man jeden Statisten aufwändiger einkleiden kann als ich meinen Hauptdarsteller im "Leben der Anderen". Das erlaubt einem, einen Luxus und Hollywoodglanz auf die Leinwand zu zaubern. Aber das ist wahrlich nicht die einzige Form von Film, die mich interessiert. Deshalb empfinde ich die Zeit jetzt eher als eine abenteuerliche Entdeckungs- und Lernreise und nicht als etwas, was mir Druck macht.

Frage: Nach Ihrem Stasi-Drama machen Sie jetzt einen reinen Unterhaltungsfilm. Verlockt einen das Geld in Hollywood dazu?

Henckel von Donnersmarck: Es wäre ja furchtbar, wenn man jetzt verpflichtet wäre, immer etwas gesellschaftlich Gehaltvolles zu produzieren. Bei den Filmen, die mich in meiner Kindheit beeindruckt haben, ist mir ein Hitchcock-Film oder ein wirklich guter James Bond genauso viel wert wie ein Godard-Film oder ein politisches Werk von Costa Gavras. Das Schöne am Künstler-Sein ist ja gerade, dass man unterschiedliche Sachen machen und mit unterschiedlichen Farben malen kann. Man muss nicht immer bleischwer bleiben, nur weil man einmal damit einen Erfolg gehabt hat.
"Eine sehr schöneHerausforderung"

Frage: Aber das "Leben der Anderen" war ja gerade nicht bleischwer ...

Henckel von Donnersmarck: Finden Sie zum Beispiel, dass "Schindlers Liste" ein bedeutenderer Film ist als "Der Weiße Hai"? Vielleicht ist es künstlerisch sogar schwieriger, einen puren Unterhaltungsfilm zu machen als einen, der auch schon durch seine Thematik beeindruckt. Für mich war das eine sehr schöne künstlerische Herausforderung.

Frage: Es ist also nicht so, dass die Mechanismen in Hollywood einen in eine bestimmte künstlerische Richtung drängen?

Henckel von Donnersmarck: Nein. Von den etwa 150 Drehbüchern, die ich über die letzten eineinhalb Jahre gelesen habe, gingen vielleicht 80 eher in Richtung anspruchsvolles, sozialkritisches oder historisches Kino. Es ist nicht schwerer, solche Stoffe auf die Beine zu stellen. Aber ich bin nicht nach Hollywood gegangen, um dort einen Film zu machen, den ich auch in Deutschland und vielleicht sogar besser in Deutschland machen könnte. Ich wollte die Art von Film machen, die mich in Hollywood immer am meisten fasziniert hat – die unglaublich charismatische Menschen in wunderschönen, glanzvollen Settings präsentiert.

Frage: Sie leben jetzt in Los Angeles. Können Sie sich vorstellen, nach Deutschland zurückzukommen?

Henckel von Donnersmarck: Gedanklich bin ich aus Deutschland nicht weg. Ich glaube, man kann heutzutage gleichzeitig an verschiedenen Orten leben. Und mir würde viel zu viel verloren gehen, wenn ich nicht gleichzeitig weiter auch auf Deutsch Filme machen und mich mit deutschen Themen beschäftigen würde. Mehr als die Hälfte meiner Drehbuchideen sind deutsche Stoffe. Und ich werde das, was ich mir jetzt in der Filmmetropole Los Angeles aneigne an Erzähltechniken und filmemacherischer Fertigkeit, irgendwann sicher auch wieder in den Dienst des deutschen Films stellen. Für mich ist die Zeit jetzt auch so eine Art Lehre.

"Der Tourist" hat am 14. Dezember in Berlin seine Europapremiere und kommt am 16. Dezember in die deutschen Kinos.