Es muss schon eine ganze Menge passieren, ehe Horst, der Horst vom Sportlereck, erschüttert ist. Neulich freilich hatte es ihn erwischt. Er hatte es in der Zeitung gelesen. "Freunde", sprach er im Tone eines Mannes, der weiß, dass er seinem Schicksal nicht mehr entrinnen kann, "Freunde, nehmt einen auf meine Rechnung. Bald ist zappenduster."

Zappenduster? "Hier jehn de Lichter aus", sagte Horst. Ein gebrochener Mann. Er hatte gelesen, was Christian Pfeiffer vorgeschlagen hatte. Herr Pfeiffer ist Professor, Kriminologe und niedersächsischer Ex-Minister, also ein höchst seriöser Mensch, und der hatte vorgeschlagen, man möge die 0,8-Promille-Grenze einführen. In Bussen und Bahnen. Nein, nicht für die Fahrer derselben (für die gilt schon die 0,0-Promillegrenze und das zu Recht), sondern für die Fahrgäste. Na denn, prost! "Wie", fragt Horst, "wie sollen denn meine Leute noch nach Hause kommen?"

Nun kannten nicht alle im Sportlereck Christian Pfeiffer aus Hannover. Das Problem kannten sie dennoch: Fahrgäste, die sich angetrunken in Bussen und Bahnen ungebührlich benehmen, herumpöbeln und auch noch gewalttätig werden. Das sind nicht gerade Zierden der Gesellschaft; gegen sie muss etwas unternommen werden. Klaro. Aber was? Erziehungsdefizite auszugleichen ist nicht Aufgabe des Schaffners, und er ist auch nicht die staatliche Ordnungsmacht. Also: Die Bustür bleibt zu, das Problem draußen. Wat nu? Auto fahren? Ist nicht. Fahrrad fahren? Ist auch nicht. Busse und Bahnen? Ein Satz mit X.

So ist das eben - nicht jeder gut gemeinte Vorschlag ist wirklich gut, und des Herrn Pfeiffers Idee hinterlässt Fragen über Fragen: Wie soll das Einhalten der Promillegrenze im Nahverkehr ermittelt werden – hinter jeder Bustür ein Alkotestgerät? Nein – nicht hinter der Tür, vor der Tür; da könnte man sich ein Beispiel an Holland nehmen. Die haben zwar ihre öffentlichen Verkehrsmittel für die Öffentlichkeit noch nicht gesperrt, aber dafür verpflichten sie alkoholanfällige Autofahrer zur Installation eines Alkoholschlosses: Der Fahrer muss vor dem Starten in ein Gerät pusten, das der Autoelektronik den Promillegehalt der Atemluft übermittelt, und wenn der über einer gewissen Grenze liegt, startet der Wagen einfach nicht. Problem erkannt, Problem gebannt.

Auf Pfeiffers Idee übertragen, hieße das: Vor dem Einsteigen pusten – Ergebnis 0,81 Promille und die Tür bleibt zu. Na prima. Das ist richtig eine Technik zum Verlieben. Womit haben Horstens Gäste das verdient? Aber noch ist es ja nicht soweit und noch hat die Vernunft eine Chance. Was sagt eigentlich die Polizei dazu, die vor Feiertagen und Karneval an die Allgemeinheit im Allgemeinen und die Betrunkenen im Besonderen appelliert, das Auto stehenzulassen und auf Bus und Bahn umzusteigen? Der Teufel hat eben nicht nur den Schnaps gemacht, er steckt auch im Detail.

Man muss sagen, das Problem hinterließ Ratlosigkeit an Horstens Theke – bis Horst selbst den Ausweg fand: Er, sagte er, werde ein Testgerät am Ausgang installieren – wer gehen will und die 0,8 Promille überschritten hat, bleibt einfach da und nimmt noch einen Schluck. Oder zwei. Oder drei, bleibt bis zur Ausnüchterung und fährt dann mit dem Bus nach Hause. Na, da wird Freude aufkommen. Zu Hause.