Er war das Aushängeschild des DDR-Films – und machte später auch in Hollywood Karriere: Armin Mueller-Stahl, der am Freitag 80 wird, ist ein Multitalent.

Von Nada Weigelt

Berlin (dpa). Bis heute halten ihn die Leute auf der Straße gelegentlich für Thomas Mann: Armin Mueller-Stahl spielte den hanseatisch unterkühlten Schriftsteller in Heinrich Breloers Fernseh-Dreiteiler "Die Manns" 2001 so dicht und authentisch, dass der Darsteller unverbrüchlich mit der Figur verbunden bleibt. Dabei war er einst wegen "mangelnder Begabung" von der Schauspielschule geflogen.

Zu seinem 80. Geburtstag am 17. Dezember wird Mueller-Stahl als einer der ganz wenigen deutschen Schauspieler gefeiert, der auch international große Erfolge hatte. Für die Rolle des fordernden Vaters von Pianist David Helfgott in dem Musikerdrama "Shine" wurde er 1997 mit einer Oscar-Nominierung geehrt. Zugleich steht er wie kaum ein anderer für die Geschichte der deutschen Teilung: Einst der beliebteste und bestbezahlte Schauspieler der DDR, musste er mit 50 im Westen eine neue Karriere beginnen.

"Inzwischen bin ich ein Maler, der auch schauspielert und nicht mehr ein Schauspieler, der auch malt", sagt er in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Um seine Bilder und Zeichnungen reißen sich inzwischen die Museen, obwohl er lange vor öffentlichen Ausstellungen zurückschreckte.Daneben ist er mit Büchern wie "Verordneter Sonntag", "Drehtage" und "Kettenkarussell" auch als Autor erfolgreich. Und gerade brachte er mit dem Filmkomponisten Günther Fischer seine erste CD mit selbst komponierten Liedern heraus. "Im Nachhinein würde ich in meinem Leben einiges anders machen", gesteht er. "Da stünde die Musik an erster Stelle, dann käme das Malen, das Schreiben – und am Schluss erst die Schauspielerei."

Mit der Musik hatte der im ostpreußischen Tilsit geborene Sohn einer künstlerisch begabten Familie angefangen: Er studierte in Ost-Berlin Musikwissenschaft und ließ sich als Konzertgeiger ausbilden, wechselte aber bald in die Schauspielerei ("Die einfachste Art, Brötchen zu verdienen."). Fast 25 Jahre war er beim Berliner Theater am Schiffbauerdamm und später bei der Volksbühne verpflichtet, in Film und Fernsehen avancierte er zum absoluten Publikumsliebling der DDR.

Über die politischen Erfahrungen dieser Zeit spricht Mueller-Stahl nicht gern. Seine Biografin Gabriele Michel führt das auf die Verletztheit einer enttäuschten Seele zurück. Zum Bruch kommt es, als der Schauspieler 1975 seine Rolle als charmanter Ost-James-Bond in der beliebten TV-Serie "Das unsichtbare Visier" aufkündigt – ein Affront gegen die Oberen. Als er kurz darauf auch noch die Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterschreibt, bekommt er für drei Jahre kaum mehr Rollen. Seine Übersiedelung nach West-Berlin 1980 muss er mit einem Brief an Erich Honecker buchstäblich erbetteln. "Ich bitte um nichts, außer dass ich behandelt werde wie jemand, der diesem Land auch genützt hat."

Der große Sprung nach Hollywood

Im anderen Deutschland versucht Starregisseur Rainer Werner Fassbinder, ihn mit der Hälfte des Honorars abzuspeisen, das die West-Darsteller bekommen. Der Film "Lola" wird gleichwohl zur Eintrittskarte für die zweite Karriere. Es folgen Arbeiten mit Filmgrößen wie Bernhard Wicki, Axel Corti oder Alexander Kluge – und schließlich der große Sprung nach Hollywood.

Dass er als "unangepasster Einzelgänger" gilt, gelegentlich gar als störrisch, stört den Schauspieler wenig. Trotz seines gütigen Lächelns und der offenen, klarblauen Augen vermittelt er eine Aura der Einsamkeit, die auch vielen seiner Figuren anhaftet. Ob als ungarischer Emigrant in Costa Gavras "Music Box", als polnisch-jüdischer Großvater in "Avalon" oder als Ghetto-Arzt im Remake von "Jakob der Lügner" – immer wehren sich die Charaktere gegen eine vorschnelle Vereinnahmung.

Privat ist Mueller-Stahl seit mehr als 35 Jahren in zweiter Ehe mit der Hautärztin Gabriele Scholz verheiratet. Das Paar hat einen gemeinsamen Sohn und lebt abwechselnd in Los Angeles und Sierksdorf an der Lübecker Bucht. Zum 80. Geburtstag wurde die Leinwandlegende zum Ehrenbürger von Schleswig-Holstein ernannt.

"Ich glaube nicht, dass Erfolg oder Ruhm beim Abschiednehmen helfen", hatte Mueller-Stahl schon im Abspann zu seinem gerade erschienenen Gedichtband "Die Jahre werden schneller" erklärt. "Es geht doch am Ende nur darum, wie man in die Kiste steigt, und wenn es irgend geht, möchte ich fröhlich in die Kiste."