Das Literaturhaus Magdeburg hat wieder gemeinsam mit dem Verein der Bibliophilen und Graphikfreunde "Willibald Pirckheimer" eine Ausstellung eingerichtet, die den ureigensten Interessen beider Seiten dient. Grafik zur Literatur wird gezeigt, der alte Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe lieferte die Vorlagen und der Kupferstecher Baldwin Zettl setzte sie auf seine sehr eigene Weise um.

Von Jörg-Heiko Bruns

Magdeburg. Mehr als 90 Kupferstiche bietet die neue Ausstellung im Magdeburger Literaturhaus, 29 zu Goethes Faust I und 40 zum zweiten Teil seines genialen Werkes, dazu ein Dutzend Blätter zu ausgewählten Vers- und Prosasprüchen Goethes unter dem Titel "Du suchst die Tür und läufst vorbei" und schließlich, sicher als Zugabe für die Exlibris sammelnden Pirckheimer, noch einige dieser kleinen Kunstwerke zur Kennzeichnung der bibliophilen Schätze.

Dürer, Cranach, Schongauer und später Piranesi sind uns mit ihren zum Teil berühmten Kupferstichen in guter Erinnerung. Als allerdings die preiswertere Drucktechnik der Lithografie im 19. Jahrhundert den Markt eroberte, geriet der Kupferstich in Vergessenheit. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte ihn der Künstler Johannes Wüsten (1896-1943) wieder ein und zu neuer Blüte. Kein anderer als der Leipziger Baldwin Zettl, Jahrgang 1943, hat Wüstens Vermächtnis kongenial fortgesetzt und gilt so schon längst als der wichtigste Kupferstecher in Deutschland. Sein Handwerk erlernte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Werner Tübke, Gerhard Kurt Müller und Rolf Kuhrt. Schon sein Diplom legte er mit Kupferstichen zu Isaak Babel und Theodor Storm ab.

Dass es so wenige Kupferstecher in der neueren Kunstszene gibt, liegt wohl daran, dass diese diffizile Tiefdrucktechnik eine der aufwändigsten in den grafischen Künsten überhaupt ist. Tage-, ja wochenlang gräbt sich der Künstler mit feinsten Linien und Punkten in die Kupferplatte ein. So entstehen detailreiche, körperhafte Modellierungen. Das langsame Eindringen unter die Oberfläche der glatten Vorlage führt zu von geistigem Gehalt getragener Eindringlichkeit des Sujets.

Auch bei Goethes Faust erstarrt Zettl nicht vor Ehrfurcht. Er empfand "den Faust keineswegs als unberührbares, erratisch starres Monument, sondern als lebendige Schöpfung voller Tiefsinn, Fantasie und Größe, überreich an Inspiration und Denkanstoß. Seine unverhüllt persönliche Sicht … ist ebenso eigenständig wie durchdrungen von der Schau- und Imaginationskraft eines Augenmenschen, der das dichterische Wort anschaulich machen und im Prisma der eigenen Zeit reflektieren kann, dass Tragweite und zeitlose Gültigkeit sichtbar werden", schreibt Dieter Gleisberg im Flyer zur Ausstellung. Es geht hier also 90-mal nicht um Illustration, sondern in jedem Fall um eigenständige Kunstwerke, die nicht nur technische Hochleistung verkörpern. Sie sind vor allem geistreich-pointierte Kunstwerke. Stiller Humor und zuweilen leise Ironie machen die, technisch gesehen, scheinbar kühlen und starr anmutenden Kupferstiche zu liebenswert menschlichen Fingerzeigen, bei denen der Künstler auch Fragen offen lässt. "Ich will nicht belehren, sondern durchaus mit Amüsement zuerst einmal Dinge meiner weitesten Umwelt benennen. Wobei ich in allem einen Trend zur Hoffnung und nicht zur Negation empfinde", schrieb der Künstler schon 1986. Davon, dass seine Maxime noch heute gilt, kann sich das Publikum im Magdeburger Literaturhaus, Thiemstraße, bis zum 25. Februar überzeugen.