"Komm, wir müssen ...". Sie drängt ihn zurück auf die Bühne. Pause beenden, die Show geht weiter. Gisela Steineckert und Dirk Michaelis schafften am Sonnabend ein Mammutprogramm. Zwei Konzertlesungen "Weihnachten trotz Familie" waren ausverkauft.

Magdeburg l "Als ich fortging", jenes Lied, das so viele immer und immer wieder in tiefsten Tiefen erreicht und so herrlich wehmütig stimmt, hat sie künstlerisch miteinander verwoben. Text: Gisela Steineckert. Musik: Dirk Michaelis. 26 Jahre ist "Als ich fortging" her. Künstlerisch miteinander verwoben sind sie nach wie vor. Insbesondere bei ihren gemeinsamen Auftritten ist das spürbar. Texte: Gisela Steineckert. Musik: Dirk Michaelis. Sie unter der Lampe am Vorlesetischchen, er am Klavier, die Gitarre in Reichweite. Die Rollen für die Lyrikerin und den Sänger sind klar verteilt. Sie wechseln einander ab, harmonisch aufeinander abgestimmt, jeder mit Gespür für die Kunst des anderen.

"Ich liebe Weihnachten", beteuert Steineckert und steigt auch gleich in Geschichten um Geschenkewahn, Nachkriegsweihnachten und HO-Erlebnisse ein. Sie ist eine gute Vorleserin - obwohl - sie liest nicht. Ihre Texte trägt sie frei vor, hat jedes Wort im Kopf. Sie ist eine gute Erzählerin, sie zieht ihr Publikum in das Geschehen. Treffende Gestik und Mimik unterstreichen die Worte. Die Geschichten gehen fließend ineinander über. Sie unterbricht mit kleinen Randbemerkungen und begibt sich dabei in direkten Kontakt zum Publikum. Überhaupt: "Weihnachten in Familie" könnte das Programm heißen. Vom ersten Augenblick an herrscht im Saal eine familiäre Atmosphäre, herzlich und offen, ehrlich und warmherzig. Man kennt sich gut.

Beide Künstler scheinen sich mühelos zu ergänzen - sie mit Mutterwitz, Dirk Michaelis mit Charme - und natürlich Stimme - kraftvoll, gefühlvoll und rockig, live, unplugged, sich selbst begleitend an Gitarre und Klavier. Ein Vollblutmusiker in seinem Element. Das Publikum genießt jedes seiner Lieder. Ob er von einem verrückten Vormittag oder einer Überdosis Großstadt, von all seinen Liebesliedern oder von einer Seelenverwandtschaft singt - der Beifall begeisterter Zuhörer folgt. Sein "Stilles Dorf" macht das Publikum ganz still. Ein Wahnsinnssong noch immer, immer wieder.

Gisela Steineckert, 80, agil und produktiv, witzig und klug, ist eine wissende Frau. Ihre Geschichten und Gedichte leuchten in die Facetten des Lebens hinein - mit der Poesie einer Dichterin. Kostproben: "Wenn du nicht mehr weiterweißt - Atme! Atmen ist wie Lächeln" oder "Ohne Liebe, da schmerzt sogar der weiche Schnee." Auch teilt die Steineckert ordentlich aus. In Richtung obere Zehntausend etwa, wo "die Luft zu kühl" ist. Den Papst bezeichnet sie als "reichen Popanz in Weibergewändern". Zwischen nachdenklichen und kritischen Zeilen blitzen (Selbst)Ironie und Humor der Steineckert auf, so etwa bei Sätzen wie: "Möge niemand von uns außer zur Gans in die Röhre gucken!" oder "Männer brauchen keinen Nagellack. Sie nehmen den Hammer, da hält die Farbe länger". Michaelis kann darüber frotzeln, vor allem in ostdeutschen Städten "in der Welt herumzukommen". Er überlässt während des Auftritts der Grand Dame das Zepter. Er, 50, könnte ihr Sohn sein. Dass er es nicht ist, bedauert sie.

Gisela Steineckert und Dirk Michaelis sind echt, sind auf Augenhöhe mit dem Publikum. "Wir sind beide auf dem Teppich geblieben", sagt sie. Als Michaelis zum Schluss die Melodie von "Als ich fortging" auf dem Klavier anstimmt, raunt es durch den Saal. "Das Beste, was ihnen je gelungen ist", sagt jemand vernehmlich. Gelungen ist ihnen auch ihr aktuelles Bühnenprogramm, das mit herzlichem Beifall belohnt wird.