Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei verdeutlichen 150 Kunstwerke von 80 Künstlern in Wolfsburg.

Wolfsburg l Nicht die Erfindung des Rades vor etwa 6000 Jahren und nicht die Erfindung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts sind schuld am immer schneller werdenden Lebenstempo der Menschen. Es ist immer der Mensch selbst, der dieses Tempo auch nach revolutionären Erfindungen bestimmt und uns das Gefühl eines rasenden Wettlaufs vermittelt. Höher, schneller, weiter ... Alles soll beschleunigt werden. Aber wie gesund ist das? Die Ausstellung "Die Kunst der ENTSCHLEUNIGUNG" im Wolfsburger Kunstmuseum wirft dazu eine ganze Reihe Fragen auf, gibt kunstgemäß aber auch keine endgültigen Antworten.

Das berühmte Tischbein-Gemälde "Goethe in der römischen Campagna" von 1787 und des Dichters symbolbeladener "Stein des guten Glücks" von 1777 als Replik und die Dampfmaschine von James Watt verkörpern im Entree der neuen Wolfsburger Ausstellung das Glück des Verweilens und den Tempoteufel des beginnenden Industriezeitalters.

Von der Aufklärung und Romantik (18. und 19. Jahrhundert) über die Klassische Moderne (1900-1968) werden schließlich Rasender Stillstand (1968-2011) abgehandelt und führen zum Finale, das zwischen Apokalypse und Utopie festgeschrieben wird. Insgesamt 15 Kapitel bietet der kontrapunktische Ausstellungsparcours, ehe er mit "Turbocitys, Entschleunigungswüsten und der Traum von der Ruhe in der Bewegung" endet. Das Thema liegt schon lange in der Luft, wir haben es bitter nötig, uns damit auseinanderzusetzen.

Was die bildende Kunst dazu beitragen kann und wie sie sich selbst in den Strudel des Wettlaufs begeben hat, führt die Ausstellung mit etwa 160 Werken von 85 Künstlern anregend vor.

Bilder über die Gegensätze von Ruhe und Bewegung

Caspar David Friedrichs großformatiges Gemälde "Meeresufer im Mondschein" von 1835/36 ist stimmungsvoll, eher still bewegt, neben ihm ein Bild des englischen Zeitgenossen William Turner "Rough Sea with Wreckage", in dem ein Schiffswrack zum Spielball der tosenden Wellen wird.

Friedrich lehnte neue Technik ab, während Turner von ihr fasziniert war. Das schlägt sich offensichtlich auch in ihren Bildern mit den Gegensätzen Ruhe und Bewegung unbewusst nieder.

Das 20. Jahrhundert wird eingeläutet mit einer Verherrlichung der Geschwindigkeit. Italienische Futuristen wie Giacomo Balla versuchen Geschwindigkeit in Malerei zu übertragen und gleichzeitig lehrt uns Giorgio de Chirico in seinen Bildern erstarrende Stille.

Duchamp setzt mit seinen "Rotoreliefs" von 1935 optisch Tempo ins Bild, was die Kinematografie bis dahin schon über Jahre beflügelt hatte. Die russischen Suprematisten und die Konstruktivisten dürfen in der Reihe der Beschleuniger nicht fehlen, auch der spätere Bauhäusler Johannes Itten nicht.

Nach 1945 waren es Alexander Calder, Jean Tinguely, Günther Ücker, Nam June Paik und viele andere, die für das Gegensatzpaar Ruhe und Bewegung standen. Julius Pop, der mit "bit.fall" ein fesselndes skripturales Schauspiel aus fallenden Wassertropfen über zwei Stockwerke der Ausstellungshalle als Beispiel für die ständige Beschleunigung der Kommunikation bietet, nutzt alle technischen Möglichkeiten der ungewöhnlichen Bewegung für sein Werk.

Amerikanische Oldtimer auf dem Weg zum Crash

Für die Besinnung auf Ruhe finden sich mit James Turrell, vor allem aber Bill Viola, kompetente Licht- und Videokünstler in der Ausstellung, auch Mario Merz und Joseph Beuys, Giorgio Morandi und Mark Rothko sollen hier erwähnt werden. Die Ausstellung ist aber so vielfältig und spannend, dass es sich eigentlich verbietet, Namen aufzuzählen.

"Bisher können wir uns immer noch eher das Ende der Welt vorstellen als eine Alternative zum kapitalistischen System", wird der Soziologe Hartmut Rosa im Begleitheftchen zur Ausstellung zitiert. Die Kunst bietet auch in Wolfsburg keine Alternative, "aber ihre Begabung zur Utopie vermittelt immer wieder die Notwendigkeit, sich eine humanere Welt vorzustellen".

Die Wolfsburger Ausstellung gibt vielfarbige Anregungen und macht nicht nur das Museum zum Ort der Entschleunigung, sondern auch den Vorplatz, auf dem sich zwei amerikanische Oldtimer als Installation von Jonathan Schipper im Schneckentempo millimeterweise, eigentlich unsichtbar, aufeinander zu bewegen und erst zum Ausstellungsende Anfang April den Crash nach 22 Wochen vollendet haben werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt wird wahrscheinlich kein Besucher verweilen wollen, aber Zeit mitbringen sollte er schon, ansonsten würde sich nichts entschleunigen.