In Michael Kleebergs Roman "Das amerikanische Hospital" treffen eine Frau und ein Mann aufeinander, die vom Leben gezeichnet sind. Beide unterziehen sich einer Therapie und treffen immer wieder im Krankenhaus aufeinander. Die Volksstimme druckt Kleebergs berührendes Buch ab dem 4. Januar als neuen Fortsetzungsroman ab. Grit Warnat hat mit dem Schriftsteller gesprochen.

Volksstimme: Herr Kleeberg, Sie schildern die Geschichte der Französin Hélène und des Amerikaners David. Beide treffen im Krankenhaus aufeinander. Er ist traumatisiert, ein Gebrochener des Krieges, sie eine Frau mit Kinderwunsch. Wie sind Sie auf dieses Konstruktion gekommen?

Michael Kleeberg: Der Roman hat eine lange Entstehungszeit von über zehn Jahren. Noch in Frankreich lebend, hatte ich die Idee, über ein Paar zu schreiben, das sich in den Mühlen der Reproduktionsmedizin verliert. Aber der Ansatz war zu privat für einen Roman. Es fehlte ein Gegenüber für die Figur der Hélène, ein andersartiges Schicksal, in dem sich ihres spiegeln konnte. Erst nach Jahren, nach den Entwicklungen und Kriegen infolge des 11. September und meinen zahlreichen Reisen in den Nahen Osten tauchte plötzlich die Figur des amerikanischen Soldaten auf. Diese beiden unterschiedlichen Personen zusammengebracht, konfrontiert, das ergab einen weiteren literarischen Echoraum, der aus praktischen Lebensgeschichten eine große Zeitdeutung gemacht hat. Dass es funktioniert, liegt an der Kunst der literarischen Architektur und an der Sprache.

Dass es funktioniert, liegt an der Kunst der literarischen Architektur

Volksstimme: Ihre Protagonistin leidet. Sie versucht, schwanger zu werden durch eine künstliche Befruchtung. Wie konnten Sie sich als Mann in das Schicksal dieser Frau hineinversetzen?

Kleeberg: Ganz einfach: Weil ich ein Schriftsteller bin. Dass sich ein männlicher Schriftsteller auch in Frauengestalten hineinversetzen kann, gehört genauso wie der umgekehrte Fall schlicht zum Handwerkszeug eines Künstlers.

Volksstimme: In den langen Gesprächen zwischen beiden geht es immer wieder um die Erlebnisse von David im Golfkrieg. Sie schildern das sehr detailreich. Woher haben Sie die Informationen, wie haben Sie recherchiert?

Kleeberg: Der Golfkrieg von 1991 ist sehr gut dokumentiert. Wenn man den Amerikanern vorwerfen will, dass sie so viele Kriege führen, muss man ihnen auch zugute halten, dass sie selbst die schärfsten Kritiker und genauesten Analytiker dieser Kriege sind. Ich habe auch sehr viel Material gelesen, habe auch viel Filmmaterial gesichtet, war zur Recherche in den USA und im Nahen Osten, in Syrien und im Libanon, habe mit amerikansichen Soldaten gesprochen und konnte so die Mischung aus historischen, menschlichen und sinnlichen Eindrücken und Informationen bekommen, die ich gebraucht habe.

Volksstimme: Sie packen den Leser sehr emotional, wenn David vom Krieg erzählt. Zum Beispiel mit der Szene, als die Ibisse einen See anfliegen, der nur noch ein Ölteppich war und ein furchtbarer Todeskampf der Tiere beginnt. Bei Ihnen leiden Mensch und Tier. Wollen Sie anprangern, wie wir uns und unsere Welt selbst vernichten?

Kleeberg: Ein Künstler will gar nichts anprangern. Es genügt ihm, mit künstlerischem Ausdruck zu zeigen und zu beschreiben: Dann prangern sich manche Verhältnisse selbst an.

Volksstimme: Das Cover zeigt zwei Menschen, die sich die Hände reichen. Sie hören sich immer wieder in langen Gesprächen zu. Dieses Zuhören und Sichöffnen, dieses Sichverstehen ist nicht mehr alltäglich in unserer Welt ...

Eine Sprache der Behutsamkeit und des Respekts

Kleeberg: Es hängt ein bisschen davon ab, in welcher Welt man sich bewegt. Es gibt durchaus und überall Gegenbewegungen zum Terror der oberflächlichen, hedonistischen Konsumwelt. Das alles hängt auch und vor allem an der Sprache, die man benutzt. Ein Beispiel für eine verräterische Sprachentwicklung der letzten Jahre: Wenn von Sex die Rede ist, in den Medien zum Beispiel, wird es häufig zusammen mit dem Wort "haben" benutzt, was früher nicht der Fall war. Heute will man Sex "haben" wie ein neues iPhone, oder man "hatte" guten Sex, so wie man einen gelungenen Urlaub hatte. Diese Kombination aus intimstem Geben und Nehmen und dem besitzanzeigenden Verb ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung - und darüber hinaus ein englischer Sprachimport. Hélène und David müssen dagegen, um in ihrer jeweiligen Lebenssituation zum andern Kontakt zu finden, einen neuen Ausdruck, eine neue Sprache suchen, eine Sprache der Behutsamkeit, des Respekts und des Nicht-Besitzenwollens.

Volksstimme: Immer wieder sprechen Ihre Protagonisten über literarische Texte. Inwieweit kann Literatur in schweren Situationen helfen?

Kleeberg: Weiß ich nicht. Trost ist nicht die erste Funktion von Literatur, und ein literarischer Text ist weder die Bibel noch ein buddhistisches Mantra. Literatur erzählt vom Menschen und seinem Leben und Sterben. Was in der Literatur beschrieben wird, ist das, was uns allen immer passiert ist und immer passieren kann. Die Gedichte, die Hélène und David lieben, haben als konzentrierteste Form der Literatur eine besondere Schönheit, so wie eine Rose. Aber sie trösten ebenso viel und wenig wie der Anblick einer Rose.

Volksstimme: Ihr Roman wurde von Kritikern für seine kluge Konstruktion gelobt. Wie lange brauchten Sie für die Komposition dieser Geschichte?

Kleeberg: Alles in allem wie gesagt etwa elf Jahre. Davon die meiste Zeit nur Nachdenken mit ein paar Notizen, dann zirka ein Jahr Recherche und zirka zweieinhalb Jahre Schreiben.

Volksstimme: Das Ende bleibt offen. Warum werden beide kein Liebespaar?

Kleeberg: Warum ist die Banane krumm?