Am 30. Oktober feierte Professor Karl Oppermann seinen 80. Geburtstag. Gut einen Monat vorher schenkte er der Kulturstiftung Wernigerode sein druckgrafisches Werk von 1950 bis 2002. Bis zum 19. Dezember sind 50 der insgesamt 150 Blätter in der Galerie 1530 im Kunsthof in der Marktstraße 1 zu sehen.

Wernigerode. Oppermanns Leben vollzog sich zwischen Wernigerode, Berlin (West), Barcelona und Veckenstedt. Er ist ein eminenter Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts. Ein weltläufiger Erzähler von hohen Graden. Er sprudelt förmlich über, wenn er als "Malerpoet" von seinen Erlebnissen mit seinem Trauzeugen Günter Grass oder dem Literaten Wolfdieter Schnurre oder den 25 Jahren als Professor an der Berliner Hochschule der Künste (HdK, heute Universität der Künste) oder den Reisen in alle Welt berichtet. Als "Prusiano-Latino" rühmte eine Zeitung den Welt-Verbinder Oppermann anlässlich von Ausstellungen in Kolumbien und Venezuela. Seine Kunst nimmt Stellung zu den brennenden Fragen der Zeit. Immer rückt er den Menschen ins Zentrum.

Das gilt auch für sein grafisches Werk. Die Techniken sind mannigfaltig – Siebdrucke, Kaltnadel-Arbeiten, Lithografien, Aquatinten, Radierungen. Sie wirken wie die kommentierende Begleitung zu Oppermanns Lebenslauf. Sie schildern das Innenleben wie das Anekdotische. Sie sind konkreter Verweis wie gleichermaßen Traum- und Sehnsuchtsbilder. Der Rummelplatz von 1952, eine Lithografie: Zwischen hölzernem Riesenrad und kleiner Losbude stehen schemenhafte Menschen mit Hüten. Nie wieder wird es diese Atmosphäre geben. Es ist ein Blatt voller Heimweh. Bewirkt Sehnsucht nach etwas Unwiederbringlichem; es ist ein Abschiednehmen von den bescheidenen Vergnügungen. Von nun an geht es mit den Wirtschaftswunder-Fahrgeschäften rund.

Ende der 50er Jahre probiert sich Oppermann am kräftig konturierten Siebdruck aus. In den 70er Jahren kommen die Elba-Landschaften und die Volterraio-Festung auf der Spitze des 400 Meter hohen Berges auf Elba ins Spiel – es heißt, an dieser Stelle habe die sagenumwobene etruskische Königin llva eine Burg errichten lassen. Oppermann hatte ein Atelier auf der Insel.

Immer wieder die Schönheit von Blumen

Diese Lithografien sind zart, nicht schwer. Zwischen grau-schwarzen Tönen offenbart sich eine aufregende Farbigkeit aus Orange, Blau und Grau, aquarelliert und mit dem Pinsel gespritzt. So wird die dutzendfach verbreitete Grafik – bei den kleinen Auflagen ist es zu aufwändig, farbige Druckstöcke anzulegen – durch die individuelle Kolorierung zum Unikat. Die Aquatinta "Großes Laken" bringt indirekt den Menschen ins Spiel. Kein Mensch ist zu sehen, und doch ist er da: Das große rote Laken bläht sich wie ein Theatervorhang vor mediterraner Gebirgslandschaft, im Stoff sind die Konturen eines weiblichen Körpers zu ahnen.

Immer wieder ist es die Schönheit von Blumen, denen sich Oppermann zuwendet. Er arrangiert sie in Sträußen. Die Aquatinta-Technik reproduziert ihre Formen und Farbigkeit. Zwischen den Blumen finden sich zwei verwandte Arbeiten – die Porträts "Daphne" und "Clythia". Zwei mythologische Frauenporträts, erlesen wie seltene Blüten. Die Naturformen sind in ständigem Wandel. Aus einem Schmetterling erwächst ein Akt – so in "Farfalleride", einer Aquatinta von 1979 mit Fantasienamen, an die italienische Nudel erinnernd. Die Schmetterlingsfrau wird zum Sinnbild von leicht schwebendem Liebes-Glück.

Oppermanns Grafik der 80er Jahre ist hemmungsloser und expressiver im Strich. Durch das Brandenburger Tor, das Rote Rathaus und die Siegessäule sind die Lithografien geografisch als Berlin-Bilder verortet. Wiederum eine Sehnsucht des West-Berliners in der geteilten Stadt nach dem ganzen Berlin. Meist entstehen sie in mehreren Fassungen.

Häufig auch Verweise auf Musik

Die Lithografien in Schwarz wirken dichter und ernster, die handkolorierten Versionen heiterer. Schön ist das Porträt "Der kleine Mustafa" – ein Junge im Kinderwagen mit Schaufel in Schwarz und Grau. So stark ist die Imagination Oppermanns, dass man vermeint, die Augen des Jungen müssten doch braun sein. In vielen Blättern finden sich auch Verweise auf Musiker und Musik: auf Akkordeonspieler, einen Mann an der großen Trommel und am Bass, einen Mundharmonikaspieler. In "Fete d’Henriette" I-III sind diese Porträts von 1983 zu sehen, die zum Schluss jeder formalen Ordnung entgleiten. Im Schwarz der Grafik zeigt sich ein ebenmäßiges, klassisch-edles Frauenporträt; sind Brüste, Schenkel und Scham zu erahnen – sehr intime Zeitzeichen eines Lebensmoment-Puzzles.

Im Hinausgehen nimmt man noch ein gutes Dutzend Ausstellungsplakate wahr. Einzelausstellungen in Berlin, Prag, Barcelona und Paris, in Caracas, Lima und Sao Paulo, in New York und Houston – der Weltbürger Professor Karl Oppermann ist mit seiner Schenkung an die Kulturstiftung Wernigerode angekommen.

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"Karl Oppermann. Das druckgrafische Werk von 1950-2002", bis 19. Dezember, Eintritt frei.

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