Zum 80. Geburtstag des Glasgestalters Wilhelm Richter richtet seine Geburtsstadt Bautzen eine opulente Ausstellung aus. Im dortigen Museum sind mehr als 100 Glasobjekte, auch historische Arbeiten seiner Altvorderen aus dem 17. und 18. Jahrhundert und von Wilhelm Wagenfeld, bis zum 30. September zu sehen.

Magdeburg l Der Wahlmagdeburger hätte sich wohl auch eine Exposition in Sachsen-Anhalt gewünscht. Bautzen war schneller, trug eine sehenswerte Auswahl von Kunstwerken zusammen. Dort gilt der Name Wilhelm etwas seit 1688 in puncto Glas. Bis 1958 lebten in acht Generationen 17 Glasermeister aus dieser "Dynastie" in der sächsischen Stadt. Das prägte den Jungen, der mit dem zerbrechlichen Material groß wurde. Mit seinem fast spielerisch erworbenen Wissen war er später in der Lehre und beim Studium seinen Mitlernenden "immer eine Nasenspitze voraus". 1952, nach der Lehre als Bau- und Kunstglaser, kam Richard Wilhelm nach Magdeburg an die hiesige Fachschule für angewandte Kunst, parallel erwarb er den Meisterbrief.

Der Elbestadt blieb er treu, gründete gemeinsam mit Oskar Hamann und Reginald Richter eine Künstlergruppe. Das Dreigespann formierte sich 1956 schließlich zur Werkgenossenschaft und bildete 20 Jahre später das Kollegium Bildender Künstler. "Wir waren Vorreiter in solchen Zusammenschlüssen", sagt Wilhelm rückblickend. Teilweise waren dort 16 Leute tätig, davon sechs Künstler. Man nutzte ein Atelier, realisierte Aufträge gemeinsam. Das Konzept trug Früchte.

Magdeburg galt etwas im Konzert der baugebundenen Glasgestaltung in der DDR. An Aufgaben mangelte es gerade in den Jahren des Wiederaufbaus nicht, auch zahlreiche Kirchen harrten auf die Spezialisten bei der Erneuerung oder Restaurierung ihrer farbigen Fenster. Die Kooperation mit Architekten gehörte zum Alltag, viele Projekte ließen sich bis zur Ausführung im eigenen Hause realisieren.

Nach wie vor gehört die Gläserne Blume im Foyer des Palastes der Republik in Berlin, eine Gemeinschaftsarbeit von Richard Wilhelm und Reginald Richter, zu den bekanntesten Arbeiten. Es ist auch diejenige, mit dem traurigsten Schicksal. Abgebaut mit dem Abriss des Gebäudes nach der Wende, fristen die Einzelteile heute das Schicksal eines normalen Depotstücks im Deutschen Historischen Museum.

Wilhelm suchte 1984 neue Herausforderungen. Sein Wunsch, wieder freischaffend im eigenen Atelier zu arbeiten, brachte ihm das Unverständnis der Kulturfunktionäre ein. Der über Jahrzehnte eine fortschrittliche Künstlervereinigung geleitet hatte, wollte zurück in alte Muster. Das zähe Ringen brachte ihm die gewünschte neue Aufgabe. An Kreativität mangelt es bis heute nicht, auch wenn das Arbeitspensum inzwischen deutlich reduziert wurde.

Berichtet der 80-Jährige von seinen Werken, dann funkeln die Augen wie Glas in der Sonne. Zu jedem gibt es eine eigene kleine Geschichte. Sie anzuhören erfordert Zeit. "Man bleibt nur Künstler, wenn man etwas schafft", lautet sein Motto. Viele Entwürfe hat er bis heute gehütet. Sie belegen die Vielseitigkeit ihres Schöpfers. In keine Schublade passt er, hat zweidimensionale ebenso wie dreidimensionale Objekte geschaffen. Es gibt abstrakte Arbeiten, dann wieder sehr bildhafte wie "Der Pascha". Ein Hahn schreitet stolz im Bild und lässt dabei die Rose nahezu unbeachtet am Boden liegen. Für die St.-Annen-Kirche in Süpplingen entstand "Lobet den Herren ..." Die Symbolkraft des Regenbogens verschmilzt mit dem christlichen Fischmotiv.

Vorlagen für spätere Ausführungen entstanden ganz in Glas. Darunter auch eine Wandgestaltung "Friede im Universum" für den einstigen Hauptbahnhof im Osten Berlins, die verschollen ist. Als 1990 die Realschule in Bingen einen Schmuck für ihre Eingangshalle suchte, griff Wilhelm auf dieses Thema zurück und ließ sein Universum neu entstehen.

Der Weg zur Ausstellung nach Bautzen ist weit. Wer ihn scheut, kann auch in Magdeburg fündig werden. Richard Wilhelm schuf unter anderem sehenswerte Objekte in der Eingangshalle des Instituts für Gewässerforschung. Im heutigen Landtag, dem Gebäude der früheren Ingenieurschule für Wasserwirtschaft, findet sich "Gutes Wasser - Gutes Leben". "Zwischen Himmel und Erde" heißt ein Fenster im Raum der Stille im Hospiz der Pfeifferschen Stiftungen.