Stendal l Dieser Pinocchio! Der Junge - von Gepetto aus bestem Holz geschnitzt - muss noch so viel lernen, bevor er in die weite Welt hinausgehen kann. Aber nein! Pinocchio hört einfach nicht auf seinen Schnitz-Papa, sondern stolpert stattdessen auf seinen steifen Beinchen von einem Abenteuer ins nächste. Immer knapp an der Katastrophe vorbei.

Zum Glück hat die gute Fee ein Auge auf ihn, aber immer kann sie ihn auch nicht beschützen. Und so wird der kleine Holzkopf betrogen, beraubt, verurteilt und sogar verzaubert. Und doch geht es am Ende gut aus. Denn es kommt wie im richtigen Leben: Aus dem scheinbar unbelehrbaren und frechen Kind wird ein verantwortungsvolles Geschöpf. Aus einem hölzernen Hampelmann wird ein Junge aus Fleisch und Blut.

Das Märchen von Carlo Collodi ist weitgehend bekannt, in der Bearbeitung von Peter-Jakob Kelting und Jürg Schlachter (der auch Regie führt) bekommt die Geschichte am Theater der Altmark neuen Schwung. Hier sehen die Zuschauer nämlich ein Spiel im Spiel, ein Theater im Theater. Vier Schauspieler und ein Musiker zeigen, wie Theater "funktioniert", wie man aus einigen Requisiten und Kostümen immer neue Welten erschaffen und eine Geschichte zum Leben erwecken kann.

Schnell wird deutlich, dass der Fantasie keine engen Grenzen gesetzt sind. Leitern auf der Bühne? Ganz klar: Das sind Bäume, ein Gefängnis, Mauern oder der Palast der Fee. Ein schnödes Holzpodest verwandelt sich mit wenigen Handgriffen in ein goldfarbenes Puppentheater oder in ein Haifischmaul. Die Botschaft von Regisseur Jürg Schlachter und Ausstatter Mark Späth scheint klar: Nicht in starren und engen Bildern denken! Es ist ein bisschen wie beim Budenbauen im Kinderzimmer ...

Drei Schauspieler und eine Schauspielerin auf der einen, ganz viele Rollen auf der anderen Seite. Tom Weber ist immer Pinocchio, denn die Hauptfigur ist in allen Szenen dabei. Ungelenk stakst er über die Bühne und sieht tatsächlich hölzern aus. Volker Wackermann, Fabian Feder und Simone Fulir wiederum sind alle anderen Charaktere.

Wackermann ist unter anderem ein wirklich bemitleidenswerter Gepetto und ein wunderbar affektierter Theaterdirektor. Sehenswert. Aber was Fulir und Feder leisten, setzt dem ganzen die Krone auf: Sie meistern 14 Rollen, quasi im fliegendem Wechsel zwischen Kostümen (Lob an die Ankleider!) und Sprecharten. Eben noch ist Simone Fulir eine Zirkusassistentin oder eine schnurrende Katze mit falschem französischem Akzent, im nächsten Augenblick eine dicke Taube, die in bayrischer Mundart vor sich hin schimpft. Fabian Feder wandelt sich von miesepetriger Grille zum windigen Betrüger-Fuchs oder zum glotzenden Thunfisch. Diese beiden jungen Schauspieler sind phänomenal. Und zudem noch urkomisch.

Die fünfte Person auf der Bühne ist Tilmann Frieser. Mit Akkordeon oder Schlagzeug begleitet er die Handlung, steuert Musik (eigene Kompositionen), aber auch diverse Geräusche bei.

Der Stendaler Pinocchio überrascht in seiner Andersartigkeit. Diese erfrischende Inszenierung hat das kleine, wie auch das große Publikum begeistert.