Berlin (dpa) l 1919 war nicht nur das Jahr, in dem Frauen erstmals in Deutschland wählen durften. Auch die Berliner Kunstakademie öffnete vor 100 Jahren ihre bis dahin für Bewerberinnen fest verschlossenen Türen. Damit durften angehende Künstlerinnen auch mit akademischen Weihen zu Farbe und Pinsel greifen oder Skulpturen gestalten. Doch schon vorher schafften es Künstlerinnen auf den umkämpften Markt, in Galerien, Wohnzimmer oder Sammlungen. Die Bestände der Alten Nationalgalerie in Berlin belegen das eindrücklich. Die Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit – Künstlerinnen der Nationalgalerie vor 1919" zeichnet bis zum 8. März diese Entwicklung nach.

"Was haben die Künstlerinnen vorher auf sich genommen, um Künstlerin zu werden", fragten sich Museumsdirektor Ralph Gleis und sein Team. Gleichzeitig schaut die Ausstellung auf die Veränderung: Wie konnten Frauen "Künstlerinnen werden, die gesammelt wurden – und wo wurden die Grenzen eingezogen". Gezeigt wir die Entwicklung anhand von 60 Gemälden und Skulpturen von 43 Künstlerinnen. Die Arbeiten umfassen eine Zeitspanne von 140 Jahren, alle sind vor 1919 entstanden und sie gehören zum Bestand der Alten Nationalgalerie.

Eine Taktik im Buhlen um Anerkennung war etwa, jenseits der Kunst auf klassisch anerkannte Kompetenzen zu verweisen. In einem um 1780 entstandenen Selbstbildnis zeigt sich zum Beispiel Anna Dorothea Therbusch (1721-1782) in streng akribischer Malerei. Das Besondere: ein Gestell mit Monokel als Sinnbild für Bildung. "Sie zeigt sich eben nicht mit Palette oder malend als Künstlerin", sagt Gleis.

Mit Blick auf seinen Bestand analysiert der Museumsdirektor, es habe etwa bei Porträts "keine Rolle gespielt, ob das eine Frau oder ein Mann gemalt hatte – wenn das Dargestellte interessant war". Gleichzeitig wurde der Konkurrenzdruck in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts größer. "Nicht mehr jeder an einer Akademie ausgebildete Künstler hatte nachher unbedingt sein Auskommen", sagt Gleis. Also blieben die Akademien Frauen verschlossen. Mit weiterem Vorteil für die männlichen Kollegen: "Das war ein Nebenerwerb für die akademischen Künstler, die konnten dann Frauenklassen aufmachen."

Solche männlichen Bollwerke umgingen manche Künstlerinnen mit viel Geschick. Sabine Lepsius (1864-1942) etwa. Ihrem Mann, selbst Maler, gab sie das Eheversprechen, mit ihrer künstlerischen Tätigkeit nicht nur die Familie zu ernähren, sondern sich auch noch um die Kinder zu kümmern. Ihr Selbstbildnis von 1885 – es trägt noch den Mädchennamen Graef – zeugt eindrucksvoll von diesem berechtigten Selbstbewusstsein. Lepsius oder Elisabeth Jerichau-Baumann (1819-1881) mit ihrem berühmten Doppelporträt der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm (1855) stehen für jene Künstlerinnen, die auch sonst in der Dauerausstellung der Alten Nationalgalerie zu sehen sind.

Neben bekannten Künstlerinnen wie Gabriele Münter (1877-1862), Paula Modersohn-Becker (1876-1907) oder Käthe Kollwitz (1867-1945) gibt es auch manche Entdeckung aus den Tiefen des Sammlungsdepots. Ein Beispiel dafür ist die russische Avantgarde-Pionierin Natalija Sergeevna Goncarova (1881-1962), die gerade von der Londoner Tate Modern mit einer Ausstellung gefeiert wurde. Ihr Gemälde "Die Uhr" von 1910 hat die Nationalgalerie ein Jahr vor ihrem Tod erworben.