Ummendorf l Die Novembersonne strahlt über der Börde. Julia Himmelmann ist unterwegs und hat einen Aufruf unter die Leute gebracht. In Bäckereien, Fleischereien, Supermärkten, Kirchengemeinden, Apotheken, Rathäusern rund um Wanzleben, Klein Wanzleben und Oschersleben hängen von ihr Plakate und Flyer. Sie wirbt auch mit einem Rübenbild. Himmelmann sucht Nachfahren der sogenannten Sachsengänger, jener Leute, die sich im Kaiserreich als Landarbeiter verdingten. Der Arbeitskräftemangel führte Saisonkräfte erst aus dem Eichsfeld, dann aus Schlesien, Posen, Preußen, Pommern in die Rübenanbaugebiete der Börde. Historiker sprechen von einer großen Ost-West-Migration.

Julia Himmelmann geht nun auf kulturgeschichtliche Spurensuche. Wie lief die Anwerbung? Wer blieb in der Region? Und warum? Welche Dokumente besitzen Nachfahren? Für die Beantwortung der Fragen will sie Nachfahren ausfindig machen, Gespräche führen, Familiengeschichten zusammentragen. Himmelmann: „Ich bin neugierig darauf, was ich in den kommenden Monaten Neues erfahren werde.“

Diese Spurensuche gehört zu ihrem Projekt als Heimatstipendiatin. Überschrieben hat sie es mit „Börde im Wandel“. Ermöglicht wird ihr die Suche durch die Kunststiftung Sachsen-Anhalt, die in Zusammenarbeit mit dem Landes-Museumsverband dieses Heimatstipendium in einer zweiten Auflage ermöglicht. Ein Jahr arbeiten zehn Künstler in und mit Museen vor allem im ländlichen Raum. Ein Projekt, das hilft, Künstler durch die schwierige Corona-Zeit zu tragen. Nicht nur für Himmelmann sind im ersten Jahr nach Studienende Ausstellungen und damit Öffentlichkeit und Aufträge weggebrochen.

Die 36-Jährige stammt aus Leverkusen, lebt seit acht Jahren in Halle. Himmelmann hat an der Keramikfachschule Landshut gelernt, studierte ab 2012 weiter im Fachbereich Keramik in Halle. Im vergangenen Jahr machte sie ihr Diplom an der dortigen Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein. In Ummendorf nun ist aber nicht der Brennofen wichtiges Arbeitsmittel. Jetzt geht es um Kommunikation, Recherche, Geschichte, um eine Videoinstallation. Ein keineswegs neues Medium für die Keramikerin, sagt sie. Der sie inspirierende Bereich Video habe bereits zum Studium gehört. Für sie liegen beide Arbeitsfelder gar nicht so weit auseinander. „In der Keramik beschäftigt man sich mit Ton, jetzt geht es um die Muttererde. Es ist nur eine andere Umsetzung“, sagt Himmelmann. Mensch und Erde würden bleiben.

Eine andere Umsetzung am anderen Ort – das beschauliche Ummendorf mit dem idyllisch gelegenen Börde-Museum auf der Burg ist zweite Heimat auf Zeit. Himmelmann erlebt erstmals die Börde, erstmals eine Zuckerrüben-Ernte. Festgehalten im Video sind bereits Sequenzen vom purzelnden weißen Gold. Prozesse will sie vergegenwärtigen, kulturellen Wandel, vor allem auch jenen im Frauenbild. Das Drehbuch entsteht mit der Zeit und den Erfahrungen. Die Länge ist noch offen.

Im Börde-Museum mit seinem Fundus spiegeln sich diese Themen. Das Video könnte Teil der Dauerausstellung werden, wie auch so manch Weiteres, was Himmelmann an erzählter Geschichte zutage fördert. Das Börde-Museum als Stipendiaten-Begleiter konzipiert derzeit seine Dauerausstellung neu. Hauptaugenmerk, so sagt Museumsleiterin Nadine Panteleon, liege auf der Börde, der sie prägenden Landwirtschaft und den Menschen der Region, dem landwirtschaftlichen Jahr, ebenso der bemerkenswerten Burggeschichte. Das Heimatstipendium sieht sie als ein „Geben und Nehmen“. Sie spricht von einem „schönen Projekt“, dessen zeitgenössische Blicke und Ergebnisse sich in der neuen Dauerschau wiederfinden sollen.