Magdeburg l Es ist Donnerstagabend im Literaturhaus Magdeburg. Burghart Klaußner wartet in einem Nebenraum auf den Beginn der Lesung. Er muss sich nicht sammeln, konzentrieren, gedanklich vorbereiten – zu sehr Profi ist Klaußner, der Schauspieler, Hörbuchsprecher, Regisseur. Er hat Zeit für die Volksstimme und erzählt gern über sein erstes Buch und seine Beweggründe, warum er sich zu all der schauspielerischen auch noch literarische Arbeit aufgebürdet hat. „Das Buch habe ich längst schreiben wollen, die Geschichte hatte ich schon lange im Kopf, aber der Mut zum Schreiben fehlte“, sagt er. Eine Freundin habe ihn nett gedrängt. Zwei Jahre habe er am Buch geschrieben und gearbeitet. Heute weiß er: „Der Anfang ist das Schwerste.“

Nun liegt es vor ihm. 172 Seiten über den April 1945 in Berlin. Klaußner, 1949 geboren, hat die Zeit, die er da mit seinen beiden Protagonisten Fritz und Schultz aufleben lässt, nicht selbst erlebt. Aber vieles davon habe er gehört, auch von seinem Vater. Und er selbst habe noch viele Erinnerungen an die zerstörte Stadt, sagt er.

Die lebt vor dem Auge des Lesers auf, wenn Klaußner seine beiden Figuren ins Reichsluftfahrtministerium schickt. Dorthin sollen sie – im offiziellen Auftrag und mit Marschbefehl – eine Geldkassette mit 750 Reichsmark bringen. Mit ihren Fahrrädern machen sie sich auf eine waghalsige Tour durch ein aus den Fugen geratenes Berlin, durch eine Stadt in Endkampf-Zeit. „Es ist ein Buch über den Krieg“, sagt Klaußner, „aber der Krieg findet im Vorbeigehen statt.“

Seine Lesung ist Arbeit für ihn. Klaußner wäre nicht Klaußner, wenn er nicht diese Empathie in den Text bringen würde, mit der er dem Zuhörer die vielschichtigen Stimmungen des Buches unglaublich nahegebringt. Literaturhaus­chefin Ute Berger hat sehr recht, als sie bemerkt, sie habe das Buch anders erfahren als beim Lesen zuvor. Wohl auch deshalb hat Klaußner selbst seinen Roman als Hörbuch eingesprochen. Er weiß um die Macht seiner Stimme.

Dass er seinen eigenen Text liest, mache für ihn keinen Unterschied, sagt er auf die Volksstimme-Frage, wie dieses Gefühl für jemanden sei, der bis dato immer fremdes Material zum Leben erweckt hat. „Vielleicht bin ich bei fremden Texten kritischer. Ja, das bin ich“, meint er und lächelt.

70 Minuten Lesung

Als er nach 70 Minuten Lesung das Buch zuklappt, ist natürlich auch die Frage aus dem Publikum nach biografischen Parallelen. Gewisse Ansätze, ja, die gebe es, meint der 69-Jährige und erzählt von seinem Spiegel daheim, vor dem er stand und dachte: Mensch, du wirst deinem Vater immer ähnlicher. Ihn spiegele er in Teilaspekten. Klaußner nennt es eine Methode der Familienforschung. Aber in seinem Geschriebenen würden sich wohl auch etliche deutsche Großväter mit ihrem Erleben wiederfinden.

Klaußner, auch das verrät er, hat großen Gefallen am Schreiben gefunden – und will wieder ein Buch schreiben. Nur entscheiden müsse er sich für ein Thema. „Es gibt so viele Geschichten, die in meinem Kopf herumspuken“, sagt er und nennt als Beispiel sein eigenes Leben mit der Welt des Theaters oder der Zeit der 68er.

Zum Schluss lächelt er ins Publikum und ermuntert: „Schreiben Sie auch. Glauben Sie mir, es macht Spaß.“