Magdeburg l Cees Nooteboom ist auf all seinen Reisen immer auch zu den letzten Ruhestätten seiner Lieblingsautoren gepilgert. Er wollte mit ihnen in den Dialog treten. „Wenn wir an ihren Gräbern stehen, sind ihre Worte um uns. ... Jeder Besuch am Grab eines Dichters ist ein Gespräch“, schreibt der Autor in seinen einleitenden Worten zu „Tumbas. Gräber von Dichtern und Denkern“.

Bis nach Chile gereist

An fast 90 Gräbern von Schriftstellern und Philosophen hat der Romancier gestanden und ist dafür bis nach Chile, Samoa, Japan gereist. „Ich habe sie besucht, weil sie zu meinem Leben gehören, weil sie dieses Leben auf unterschiedlichste Weise und in den unterschiedlichsten Augenblicken begleitet haben“, so der Autor. Die Dichter und Denker, an die er sich in seinem Buch mit kleinen Essays erinnert, sind seine Helden: Honoré de Balzac, Franz Kafka, Thomas Mann, James Joyce, Bertolt Brecht, Samuel Beckett, Heinrich von Kleist, Vergil, Dante Alighieri. Der persönliche literarische Olymp Nootebooms ist weit gespannt.

Schatzinsel in der Südsee

Ebenso weit sind auch die literarischen Formen seiner Begegnungen. Er sucht in eigenen Rückblicken nach Episoden, reichert sie an mit seinem immensen Wissen von der Literatur.

Da ist Thomas Bernhard zum Beispiel, den er nur zweimal gesehen hat, dafür öfter dessen Theaterstücke. Sie würden einem Rätsel aufgeben, ebenso wie Bernhards Grab, schreibt Nooteboom. Auf dem Friedhof Grinzing bei Wien liegt Bernhard begraben – mit einem Ehepaar zusammen. Drei in einem Grab, schreibt Nooteboom und schiebt den Versuch hinterher, dieses Eigentümliche zu entschlüsseln.

Literarischer Trauerbrief

Dann bedient sich der Autor auch des Geschriebenen der Ingeborg Bachmann über August von Goethe oder der Gedanken Elias Canettis über Friedrich Hölderlin. Und er lässt Wilhelm von Humboldt sprechen, als dessen ältester Sohn an einem Fieber gestorben war. Es ist ein ergreifender literarischer Trauerbrief an Friedrich Schiller, datiert vom 27. August 1803: „Wenn dies rasche, blühende, kraftvolle Leben so auf einmal untergehen konnte, was ist dann noch gewiß?“

Nooteboom zitiert Alex Capus, der in „Reisen im Licht der Sterne“ Robert Louis Stevenson in die Südsee folgte. Wer kennt Stevenson nicht, jenen Schreiber des Abenteuerromans „Die Schatzinsel“, von dem aber wohl nur wenige wissen, dass Stevenson einst in einer Villa auf Samoa lebte. Auf der Insel Upola in der Südsee liegt er auf einem Hügel begraben. Nicht in feine Matten sei er gewickelt worden, schreibt Capus und bezieht sich auf eine samoanische Sitte, sondern „nach europäischem Brauch in einen Sarg gelegt“.

Ein philosophischer Blick auf die Welt

Wie ein Mausoleum wirkt Stevensons Ruhestätte, die laut Nooteboom nicht so recht zu dem Toten passe und eher an den Vizepräsidenten einer großen Versicherungsfirma als an einen Dichter erinnere. Dank Simone Sassen hat der Leser das Grab vor Augen. Die Fotografin begleitete ihren Ehemann vom Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin bis in entlegene Winkel der Welt. Sie lichtete die Ruhestätten ab. Pompöse Altäre, bildhauerische Kunst, schlichte Eleganz. Gräber so verschieden wie die Handschriften der Toten.

„Tumbas“ ist ein Buch voller philosophischer Blicke auf die Welt, auch ein stilles Buch, weil Gräber nicht nur einsam liegen, sondern weil es Nooteboom wunderbar vermag, seine eigenen Empfindungen am Grab, an dieser letzten Station des Lebens, in Sprache zu fassen. Und immer wieder steht nicht er mit seinen Betrachtungen im Vordergrund, sondern überlässt die Sprache seinen Helden. Ludwig Uhland, Pablo Neruda, Simone de Beauvoir zum Beispiel mit Gedichten, Briefen, kurzen Ausschnitten aus Büchern.

Da ist immerwährend der Tod, der Abschied und die Trauer und doch nicht nur Melancholie zu finden bei Zeilen voller Hoffnung und Zuversicht. „Alles Gute in mir entströmt ihrem Grab, wie der Duft, der die Atmosphäre erfüllt, einer Lilie entströmt.“ Honoré de Balzac schrieb diesen Satz in seinem Roman „Die Lilie im Tal“.

Cees Nooteboom: Tumbas. Gräber von Dichtern und Denkern, Fotografien von Simone Sassen, Verlag Schirmer/Mosel, 328 Seiten, 28 Euro.