Magdeburg/Berlin l Die kurze Widmung empfängt den Leser zuerst: „Für euch, schwarze Schafe“. Tiere also, die nicht ins Weiß der Herde passen, die anders sind, die herausstechen. Es geht in dem Buch – auch – um Hautfarbe, das Cover ist entsprechend angelegt. „Der Einband spielt schon mit dem Thema“, sagt Jackie Thomae. Es sind verschiedene Braun-Töne. Nicht jeder, das weiß sie, interpretiert beim Blick auf das Cover das Thema schon hinein: „Das muss auch nicht sein, das Cover funktioniert auch so.“

Schwarzen Schafen jedenfalls hat Thomae dieses Buch gewidmet. Sie wurde 1972 in Halle geboren, lebte in Leipzig und seit Jahren in Berlin, eine Stadt, die, wie sie sagt, voll ist mit schwarzen Schafen.

Familiärer Hintergrund

Ihren Protagonisten hat sie ihren familiären Background gegeben: Der afrikanische Vater, der in die DDR kommt, um dort zu studieren, eine deutsche Frau kennenlernt und mit ihr Kinder bekommt. „Es ist keine Autobiografie, es ist Fiktion“, stellt die Autorin klar, die immer wieder auf die eigene Rolle im Buch angesprochen wird.

„Diese Jungs haben meinen Hintergrund, aber ich erzähle ganz viele andere Sachen, die meine Generation betreffen und unser Land, in dem wir leben“, sagt sie. Diese Jungs sind Mick und Gabriel, Halbbrüder, charakterlich sehr verschiedene Typen. Sie eint nur ihr unbekannter Vater aus dem Senegal, der ihnen die dunkle Hautfarbe vermachte. Im Roman gehen sie getrennte Wege. Sie wissen lange nichts voneinander. Der eine lebt in verrückten Berliner Party-Clubs mit Eisnebel, Drums und Drogen, der andere als ehrgeiziger Architekt in London, der aber beim Arzt schon mal gefragt wird, aus welcher Schwarz-Weiß-Kombination er sich zusammensetzt.

Inwieweit wird man nach seiner Hautfarbe definiert? Welche Rolle spielt die Herkunft auf dem Lebensweg? Und wie prägt uns Alltagsrassismus? Die Fragen sind immer da, unterschwellig, nie plump aufgedrückt. Klug, auch witzig erzählt Thomae von den so unterschiedlichen Lebenswegen der beiden, die doch gleiche Wurzeln haben.

Sie sagt, es sei ihr auch nicht ausschließlich um Rassismus gegangen und um die Frage, wie man sich damit fühle. Vielmehr setzte sie auf ganz viele menschliche Beziehungen. Es gibt auch ein Zurück in die DDR, in der sie aufwuchs. Thomae kam 1972 zur Welt. Der Roman beginnt 1985 und führt den Leser bis ins Jahr 2017. „Mir ging es sehr bewusst um den Alltag der Menschen und nicht um eine Kulisse, in der die Stasi allgegenwärtig ist. Darauf wird die DDR heute oftmals reduziert.“

Kein DDR-Buch

Ein DDR-Buch aber ist „Brüder“ mitnichten. Es sei auch kein Männerroman geworden, auch wenn sie erneut in einem literarischen Werk die Geschlechter-Perspektive gewechselt habe, sagt die Autorin. Für die von ihr gezeichneten Männerfiguren habe sie im Vorgängerbuch schon viele Komplimente bekommen. Hat Thomae Brüder? „Ich habe einen Halbbruder, das hat aber nichts damit zu tun, dass ich mich in dem Roman für zwei Männer meiner Generation entschieden habe. In den Besprechungen vergisst man oft, dass ich gerade im zweiten Teil auf Frauenfiguren setze.“

Gesellschaftliche Aspekte

Wie aber definiert sie ihren Roman, der anfangs in einigen Kritiken auf den Rassismus reduziert worden ist. „Es ist ein Gesellschaftsroman. Und ich bin froh, dass die Außenwelt das mit der Zeit so eingeordnet hat“, sagt sie. Denn: „Es geht um ganz viele gesellschaftliche und politische Aspekte.“

„Brüder“ stand im Oktober auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Für die Jury gehörte das Buch damit zu den besten Romanen des vergangenen Jahres. Für Thomae hat sich die Aufmerksamkeit verändert. Sie ist als Gesprächspartnerin in politische Diskussionsrunden geladen, kann Interviews nicht mehr zählen. Und sie ist auf Lesereise, war auch in Halle und Leipzig zu Gast und folgt am 18. Februar einer Einladung ins Literaturhaus Magdeburg.

Lesung am 18. Februar, Beginn 19 Uhr, Literaturhaus Magdeburg, Eintritt: 6 Euro Vorverkauf, 8 Euro Abendkasse, Karten: 0391/ 4044995