Hamburg (dpa) l Der Kampf auf Leben und Tod der "Tribute von Panem" geht weiter: Der neueste Band der bisher dreiteiligen Saga der US-amerikanischen Schriftstellerin Suzanne Collins ist nun gleichzeitig in Deutschland, den USA, Kanada, Großbritannien, Neuseeland und anderen Ländern erschienen. Das fast 600-seitige Buch mit dem Titel "Die Tribute von Panem X. Das Lied von Vogel und Schlange" ist dabei keine Fortsetzung des Endzeit-Spektakels um die Jugendliche Katniss Everdeen.

Stattdessen entführt der vierte Band die Leser in eine Zeit, die mehr als 60 Jahre vor dem erbitterten Kampf Everdeens ums Überleben und gegen die Dominanz des Kapitols mit dem tyrannischen Präsidenten Coriolanus Snow liegt. Der später eiskalte, überhebliche und machthungrige Snow steht im Mittelpunkt des neuen dystopischen Science-Fiction-Romans über die Welt Panem.

Er könnte – fast zehn Jahre nach Erscheinen des dritten Buches – eine Erfolgsgeschichte fortschreiben. Die ersten drei deutschsprachigen Bände wurden dem Hamburger Verlag Friedrich Oetinger zufolge 4,7 Millionen Mal verkauft, weltweit mehr als 100 Millionen Mal. Der erste Band wurde 2010 mit dem Jugendliteraturpreis und als das beste Buch der letzten zehn Jahre ausgezeichnet (Lovelybooks/2019).

Auch im Kino war die Geschichte ein Kassenschlager. Knapp drei Milliarden Dollar (etwa 2,6 Milliarden Euro) sollen die vier Kinofilme dem Verlag zufolge eingespielt haben. Die Hauptrolle hatte Jennifer Lawrence übernommen, die seitdem ebenfalls auf der Überholspur unterwegs und mittlerweile Oscar-Preisträgerin ist. Die Lionsgate Studios haben die Verfilmung auch des neuesten Buches bereits angekündigt.

Und worum gehts in "Panem X"? Snow ist gerade einmal 18 Jahre alt, noch verletzlich und durchaus charmant. Der Krieg der Rebellen aus den Distrikten gegen das Kapitol ist seit zehn Jahren vorbei und er hat auch bei den Snows Spuren hinterlassen. Reichtum und Macht der Familie sind verpufft, die Eltern tot. Der junge Snow, seine Cousine Tigris und die Großmutter versuchen dennoch verbissen, den Schein zu wahren, die alte Stärke und Anmut an den Tag zu legen – und sich Hunger und Armut nicht anmerken zu lassen.

So geht es in der "Panem"-Reihe weiter

Bei den 10. "Hunger Spielen" sollen wieder ein Junge und ein Mädchen aus jedem Distrikt – die sogenannten Tribute – in der Arena des Kapitols bis auf den Tod gegeneinander kämpfen. Am Ende wird es nur einen Sieger geben. Mit diesen brutalen Spielen will das Kapitol jedes Jahr wieder seine Überlegenheit gegenüber den zwölf verbliebenen Distrikten demonstrieren. Erstmals sollen Schüler nun Mentoren für die Tribute sein und damit die Spiele noch spannender machen. Snow hofft auf Ruhm und Ehre und bekommt Lucy Gray zugelost – ausgerechnet das Mädchen aus dem heruntergekommenen Distrikt 12.

Doch aus der Zwangs-Partnerschaft wird eine Freundschaft, eine zarte Liebe. Das bringt den berechnenden, kühlen Snow durchaus in Bedrängnis. Wie weit kann er sich gegen das Regime auflehnen und sein Tribut auch gegen die Spielregeln unterstützen, ohne seine vermeintliche Stellung in der Gesellschaft zu gefährden? Und was ist ihm am Ende tatsächlich wichtig? Macht oder Liebe?

Das Buch setzt auf den fast 600 Seiten zunächst vor allem auf die Elemente, die bereits bei Lesernt und Kinobesuchern gut angekommen sind. Im ersten und zweiten Drittel geht es deshalb vor allem um den erbitterten und brutalen Kampf von Kindern in der Arena. Zum Teil wirkt das allerdings lediglich wie ein warmer Aufguss der ersten drei Bände. Das zweite Drittel nimmt die Zerrissenheit Snows weiter in den Fokus, vertieft die Gräben zwischen seinen Gefühlen und lässt gleichzeitig die Gefühlskälte des späteren Präsidenten von Panem erahnen, die das Streben nach Macht in den Mittelpunkt seines Handelns stellt. Im letzten Drittel wird es gefühlvoll und Snow steht vor dem ultimativen Scheideweg seines Lebens.

Suzanne Collins wollte mit der Geschichte den Zustand der menschlichen Natur in den Mittelpunkt stellen. Wer sind wir und was brauchen wir zum Überleben. Collins lässt ihre Figuren also über das Wesen der Menschen sinnieren, über Herrschaftssysteme, über Freiheit - doch eine überzeugende Tiefe dieser Gedanken will dabei nicht so recht aufkommen.

Für eingefleischte Fans ist das lang ersehnte Buch eine spannende Erweiterung des "Panem"-Kosmos. Ähnlich bunt bei der Zeichnung der überdrehten Kapitol-Spielmacher, ähnlich fesselnd bei den Kämpfen bis zum Tod und auch ähnlich brutal bei den Details der tödlichen Kinderkämpfe. Gleichzeitig steht mit Snow eine Figur im Mittelpunkt, die von Anfang an – trotz so mancher Gefühlsregung – eher unsympathisch und zutiefst berechnend rüberkommt. Ob der innere Gut-gegen-Böse-Kampf Snows für einen erneuten Kassenschlager reicht?