Der Autor Erwin Berner

Erwin Berner wurde 1953 in Berlin geboren. Er war der älteste Sohn von Eva und Erwin Strittmatter. Eigentlich hieß er wie der Vater Erwin Strittmatter, gab sich mit Erwin Berner selbst einen Künstlernamen. Besuch der Schauspielschule in Rostock. Er war Bühnen- und Fernsehschauspieler, spielte unter anderem in der Serie „Polizeiruf 110“, „Adel im Untergang“, „Sonjas Rapport“ und „Zur See“. Berner, der in Berlin lebt, schreibt Sücke, Gedichte, Liedtexte und Prosa.

Seine „Erinnerungen an Schulzenhof“ sind 2016 im Aufbau Verlag erschienen (272 Seiten, 22,95 Euro).

Berlin l „Du hast über Schulzenhof geschrieben?, fragte Mutter plötzlich.“ Da lag die Mutter im Klinikum Berlin-Buch. Der Sohn hat an ihrem Krankenbett gesessen.

Ja, er hatte über Schulzenhof geschrieben, den brandenburgischen Lebens- und Schaffensmittelpunkt seiner Eltern, die ihren Sohn Erwin anfangs lieber in der Dumpfheit und Enge des großmütterlichen Haushaltes in Neuruppin aufwachsen ließen. Als er 11 war, fuhr er möglichst oft nach Schulzenhof, 25 Kilometer mit dem Rad durchs märkische Land. Schulzenhof aber war keine Idylle.

Berner schreibt sehr ehrlich über den tyrannischen, jähzornigen Vater als Patriarch und das äußerst strenge Schulzenhofer Gefüge. Er nennt es „System Schulzenhof“. Die Kinder arbeiteten auf dem Hof, durften sich der geringen Lautstärke wegen nur auf Zehenspitzen durchs Haus bewegen. Es herrschte Angst vor dem Familienoberhaupt. Im Buch schreibt Berner von der „Diktatur auf dem Gehöft“.

Die Briefe als Ventil

2001 fing der älteste Strittmatter-Sohn an, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Da war der Vater schon lange tot, doch die Familie rückte nicht näher zusammen. In jenem Jahr war das Verhältnis des Sohnes zur Mutter angespannt. „Die Briefe waren Ventil“, sagt Erwin Berner. „Ich habe das Erinnern zugelassen und dann schnell begriffen, dass es die Geschichte meiner Kindheit, meiner Beziehung zu meinen Eltern wird.“

Annäherung an den Vater

Was jetzt vorliegt, ist in Briefform gehalten, adressiert an Herzchen. „Diese Figur gibt es wirklich“, sagt der Autor. Es sei ein Freund in der Schweiz, mit dem er seit 1992 eine Brieffreundschaft hat. Die Briefform änderte er nicht ab. Berner: „Die Briefe zeigen in der Annäherung an meinen Vater einen Entwicklungsprozess. Ich wollte, dass der Leser diesen Prozess mitgehen kann.“

Er sagt, er will das Buch trotz aller Härte nicht als Abrechnung verstanden wissen, auch wenn sich die Medien stark auf das System Schulzenhof gestürzt haben. „Kaum jemand hat geschrieben, dass ich meine Eltern als Dichter verehre. Dieses Buch ist meine Sicht der Dinge. Nicht mehr und nicht weniger“, sagt er.

Der 1994 gestorbene Erwin Strittmatter, der populärste Schriftsteller der DDR, Staatspreisträger, Schulliteraturschreiber, Verfasser von vielfach aufgelegten Büchern wie „Ole Bienkopp“, „Pony Pedro“, den Trilogien „Der Laden“ und „Der Wundertäter“, gehört heute zu den umstrittensten Autoren. Das liegt auch am Verdrängen seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg. Er war im Polizeibataillon 325 im einstigen Jugoslawien im Einsatz.

Als Literat aber hat er nach wie vor seine Fans. Berner spürt das immer mal wieder. „Mein Vater hatte einmal erzählt, dass Lotte Ulbricht den ersten Teil vom ,Wundertäter‘ vor Wut an die Wand geschmissen hat.“ Von ähnlichen Redaktionen habe er jetzt auch gehört. Sein Buch sei nur Klatsch und Tratsch.

Berner erzählt, wie er erlebte, dass sein Vater ungeheuer geliebt wurde. „Als der Wundertäter III erschienen ist und parallel ein Gedichtband von meiner Mutter, stand am Internationalen Buch in Berlin eine Menschenschlange bis zur nächsten Straßenecke. Es gab keine Westartikel. Meine Eltern haben signiert. Stundenlang.“

Ein Nestbeschmutzer?

Selbst im Buch hat sich Berner mit der Frage auseinandergesetzt, ob er als Sohn das Recht habe, das alles aufzuschreiben. Vielleicht werde er als Nestbeschmutzer gesehen.

Wenn man sich mit Erwin Berner unterhält, merkt man schnell, wie ihn diese Fragen nach wie vor umtreiben. „Ich war mir bewusst, dass es so ausgelegt werden kann. Und egal wie ich mich bemühe, alles ausgewogen zu schildern weiß ich, dass dieses Buch jene Menschen, die meine Eltern nach wie vor verehren, zutiefst verletzen kann.“

Berner lässt aber keinen Zweifel: Sein Vater war kein kinderliebender Mensch, obwohl er acht Kinder in die Welt gesetzt hat. Wie aber passt beides zusammen? Berner wirkt selbst etwas ratlos. „Es gibt Filmaufnahmen von Schulzenhof, der Vater und die Mutter haben ja gefilmt, da ist er mit dem kleinen Jakob im Arm zu sehen und in seinem Blick ist viel Liebe. In seinen Tagebüchern schreibt er auch, wie er Matthes geliebt hat. Trotzdem gab er die Kinder zur Großmutter.“

„Ja, die Tagebücher“, sagt Berner mit Blick auf des Vaters autobiografische Blicke. „Ich finde es erstaunlich, mit welcher Härte er über die Familie urteilt.“ Bei Strittmatter stand das Arbeitspensum obenan. Als Preis habe er die Familie hergegeben. Eine Antwort von Berner: Er brach mit seinem Namen. Während der Schauspielschule bot man bot ihm den ersten Film an, da wollte er nicht mehr genauso wie der Vater heißen: Erwin Strittmatter. Er nannte sich Berner, der Name seiner Urgroßmutter mütterlichersseits, die er sehr mochte.

Namen gewechselt

„Ich wollte nicht, dass alle sagen, ach, das ist der Sohn von Strittmatter. Im Kollegenkreis war das ohnehin bekannt.“ Als er mit Günter Naumann drehte, sagte der, man sehe sofort, dass er der Sohn von Strittmatter sei. Aber das Publikum habe das nicht gewusst. Erst im Sommer 1998 flog das Inkognito-Leben auf. „Die Aufregung war groß. Meine Mutter wurde angerufen und gefragt, ob ich ein Hochstapler bin. Keiner konnte sich vorstellen, dass da jemand einen Mercedes-Stern hat und den im Keller versteckt.“

Dass die „Erinnerungen an Schulzenhof“ zwar längst geschrieben, aber in der Schublade lagen und erst im vergangenen Jahr veröffentlicht wurden, begründet Berner mit der Rücksichtnahme auf seine Mutter. Sie hätte das Aufgeschriebene wohl nicht ertragen, sagt Berner. Eva Strittmatter war 2011 gestorben. Bei seinem Vater hätte er dieses Befinden wohl nicht gehabt. „Da ich gelesen habe, was mein Vater über mich in seinen Tagebüchern geschrieben hat, könnte ich ihm gegenübertreten, ohne rot zu werden.“

Lesung am 29. März im Literaturhaus Magdeburg, Beginn 19 Uhr, Eintritt 5 Euro, Telefon 0391/4  04  49  95.