Musik

Ein Ex-Punker wird Rentner

Er war ein Superstar der ersten MTV-Ära, ein Engländer, den die meisten für einen Amerikaner hielten. Heute wird Billy Idol 65.

Magdeburg l Wenn ein DJ Mitte der Achtziger ein bisschen Punk in einen FDJ-Jugendklub bringen wollte, ohne Ärger mit den Behörden zu bekommen, legte er die ORWO-Kassette mit „Flash for Fantasy“ oder „Don’t need a gun“ ein. Das funktionierte immer und ein paar ganz Mutige, die abgenähte GST-Hosen trugen und sich die Haare hellblond gefärbt hatten, tanzten einen Pogo.

Protagonist und Autor dieser massentauglichen Hits war Billy Idol. Der Musiker, dessen bürgerlicher Name William Michael Albert Broad lautet, wuchs in London auf. Nach dem Versuch eines Philosophiestudiums glitt er in die Punkszene ab. Die Songs seiner ersten beiden Bands Chelsea und Generation X entsprachen deren Regeln. „Laut Vorschrift musste Punk hart sein, militant und düster. Die Idee von Punk war: möglichst hässlich auszusehen und sich maximal daneben zu benehmen“, sagte er später in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" und ergänzte: „Am Anfang ging es bei Punk darum, den Hippies mit ihrem Liebe-Frieden-Tralala-Dogma eins vor den Latz zu knallen.“

Als er bemerkte, dass die Punk-Musik zunehmend kommerzialisiert wurde, beschloss Idol, es gleich richtig zu machen. Er ging in die USA und brachte sein erstes Album heraus. An seiner Seite spielte nun der Lead-Gitarrist Steve Stevens, der mit Unterbrechungen bis heute seiner Band angehört. Mit „White Wedding“ landet Idol sofort einen Hit. Auffällig war, dass jetzt ein Keyboard zum Einsatz kam und sein Sound gefälliger wirkte, ohne weich zu klingen.

Im gleichen Jahr wurde die Platte „Rebell yell“ veröffentlicht. Neben dem Titelsong enthielt das Werk mit „Eyes without a Face“, „Flesh for Fantasy“ und „Catch my Fall“ drei weitere Superhits. Mit dem Nachfolger „Whiplash Smile“ erreichte Idol 1986 seinen kommerziellen Höhepunkt. Unüberhörbar war freilich, dass ihm sein Songschreiber-Talent abhandengekommen war, wofür der seichte Song „Sweet Sixteen“ steht, der dennoch ein Hit wurde. Um 1990, als sich der ehemals coole Achtzigersound zunehmend in musikalische Beliebigkeit auflöste, ging es auch mit Idols Karriere steil nach unten. Er hätte es gut sein lassen können. Selbst literarisch war er, wenn auch nur indirekt, zu Ehren gekommen. Im Roman „Der Buddha aus der Vorstadt“ schrieb der britisch-pakistanische Bestsellerautor Hanif Kureishi über seine Jugendzeit in einem Londoner Vorort. Im Buch schildet er auch einen kommenden Punkrockstar Billy Idol als „Billy Broad“. Beide hatten einige Zeit zusammen eine Schule besucht.

Idol verfällt Ende der Achtziger endgültig den Drogen. „Dort sitze ich, gesalbt mit den besten Ölen, rauche meine Pfeife und betrachte die Szenerie: ein chinesischer Opiumtraum. Der reine Schlaf der Götter überkommt mich. Bald rauscht das Wasser immer lauter und überströmt meinen warmen, nackten Körper. Eine von der Sünde geküsste Flut. Die Sünde schreit: ,Ich will nicht, dass es aufhört! Wer wagt es, den Schlaf des Königs zu stören?‘“, schreibt er in seiner Autobiografie „Dancing with myself”. Die lebensgefährlichen Abstürze und das Erlahmen der Kreativität durch die Folgen des Drogenmissbrauchs lässt er nicht aus.

Auch der Ruhm steigt ihm zu Kopf: „Ich entwickelte mich zu einem Rock’n’Roll-Monster und genoss die stärkste Droge von allen – die Anbetung.“ Idols Karriere versinkt im Nichts. „Viele Künstler durchlaufen irgendwann eine unproduktive Phase. Die kann man nur durch Beharrlichkeit überwinden“, bewertet er die verlorenen Jahre. Völlig überraschend meldet er sich 2005 mit dem Studioalbum „Devil’s Playground“ zurück, das einen gereiften Billy Idol zeigt. Wieder an Bord war Steve Stevens, ohne den der „Idol-Sound“ nicht funktioniert. Wer ihn einmal live erlebt hat, versteht, dass das Label „Gitarrengott“ bei Stevens keine Übertreibung darstellt.

Seinen 50. Geburtstag beging Billy Idol 2005 in der Leipziger Arena. Rund drei Stunden spielten er und seine neuformierte Band auf. Mittendrin geschah etwas, das sonst bei Konzerten von Howard Carpendale oder Roland Kaiser Standard ist. Zwei Frauen aus dem Publikum reichten ihm rote Rosen. Der Ex-Punk war gerührt.

Dass Idol weiterhin ein Name ist, mit dem selbst die jüngere Szene punkten kann, zeigt nicht zuletzt Miley Cyrus an. Für das Duett „Night Crawling“, der vor wenigen Tagen erschien, lud sie ihn ein. Auch wenn er nicht mehr der große Brecher ist, zeigte Billy Idol noch 2015 in der „Jungen Garde“ in Dresden, dass er live immer noch ein Erlebnis ist.

Das scheinbar unaufhaltsame Revival der 80er-Popmusik hat auch für eine Rückkehr seiner Hits in die Radios gesorgt. In den „80er-Jahre-Shows“, die auf manchen Sendern das ganze Wochenende laufen, ist er gesetzt. Billy Idol, der seit vielen Jahren in Los Angeles lebt, dürfte mit den Tantiemen gut durch die Corona-Konzertpause kommen.