Jerichow l Wer in den vergangenen Monaten Festivals für den Sommer plante, der hat wegen all der Unwägbarkeiten manches graue Haar bekommen. Auch Marco Reiß? Der künstlerische Leiter und Mitinitiator des Jazz-im-Kloster-Festivals lacht bei der Frage. Es war für ihn wie auch für Vorstand Roland Maiwald und Stiftungs-Chef Bernd Witt ein wochenlanges Bangen um die drei Tage im August. Jetzt könnte er Luftsprünge machen, sagt er. Denn während landauf, landab etliche Festivals und Sommertheater abgesagt wurden und der Blick auf den sonst so prall gefüllten Veranstaltungskalender einem die Tränen in die Augen treiben könnte, wird im Kloster Jerichow nun doch gejazzt. Darauf hätten sich das Kuratorium der Stiftung Kloster Jerichow, der Vorstand und der Landkreis geeinigt, sagt Reiß.

Das Programm ist coronabedingt abgespeckt worden. Kleinere Formate wie der Märchenauftritt der Theatergruppe Poetenpack sind abgesagt worden. Die Organisatoren setzen auf die Zugpferde der Festival-Erstauflage: Trompeter Till Brönner, Bassist Dieter Ilg, das Ensemble Bolero aus Berlin, Jazz-Saxofonist und Flötist Magnus Lindgren aus Schweden, Esther Kaiser. Allein Brönner und Ilg, die sich trotz oder vielleicht auch wegen ihrer unterschiedlichen Instrumente als Geistesverwandte verstehen, wurden als Duo im August 2019 von 800 Leuten beklatscht. Das war etwas mehr als die Hälfte der Gesamtbesucherzahl.

Neue Besetzungen und neue Formate

Bekannte Gesichter erneut zu laden, ist auch ein Wagnis, denn was man kennt, will man vielleicht nicht gleich ein Jahr später schon wieder erleben. Reiß sieht das nicht so: „Es gibt neue Besetzungen und neue Formate.“ Die in Berlin lebende Jazzsängerin Esther Kaiser hat für Jerichow „SongScapes“ angekündigt – eine Premiere mit ihrem Quintett.

Der mehrfache „Echo Jazz“-Preisträger Dieter Ilg jazzt nicht nur mit Brönner. Ilg, der als einer der wichtigsten Jazzbassisten gilt, ist bekannt für seine Trio-Auftritte und höchst unkonventionelle Adaptionen der Komponistenstars Verdi und Wagner, Bach und Beethoven. In Jerichow wird er am Fuße der mächtigen Klosterkirchentürme gemeinsam mit Daniel Karlsson am Klavier und Patrice Heral am Schlagzeug Bach und Beethoven auf sehr persönliche Art interpretieren. Ilgs Konzerte „Mein Beethoven“, auch seine musikalische Hommage an Bach, sind in diesem Jahr schon mehrfach abgesagt worden. Jetzt verjazzt er beide Genies im beschaulichen Ort Jerichow.

Am Abend des 15. August wird Ilg erneut auf der Bühne stehen, dann mit Brönner. Beide kennen sich seit vielen Jahren. Auch der Schwede Karlsson bleibt am Piano. Brönner tourte schon vor Jahren mit ihm. „Er stellt sein ,Projekt 21‘ vor, eine Vorpremiere in Jerichow“, freut sich Reiß.

Fast alles findet bei der zweiten Auflage auf der mehrere tausend Quadratmeter großen Wiese auf dem Klostergelände statt. Mit ihrer Weitläufigkeit ist sie wie gemacht für die geforderten Corona-Abstands-Einhaltungen. „Es gibt genügend Platz“, sagt Reiß. Besucher würden gelenkt, ein Stuhlkonzept erarbeitet. Nichts geht mehr so dicht an dicht wie im vergangenen Jahr. Trotz der Einschränkungen sei er glücklich, so der Musiker, dass das Festival überhaupt stattfinden könne. Und die Gäste sehen das wohl auch so. Reiß hat schon etliche positive Rückmeldungen.

Karten gibt es zum Tagespreis zwischen 25 (Freitag und Sonntag) und 67 Euro (Sonnabend). Der Verkauf läuft über biber ticket und die Volksstimme-Servicestellen.