Die Handlung von „Vanessa“

Hoch oben im kalten Norden wartet Vanessa seit mehr als 20 Jahren zurückgezogen auf die Rückkehr ihres Geliebten Anatol. Alle Spiegel und Gemälde sind verhüllt: Für Vanessa, ihre Mutter – die alte Baronin – und ihre Nichte Erika erscheint die Zeit wie eingefroren. Da kündigt sich endlich die Ankunft des lang Erwarteten an. Doch Vanessa muss erkennen, dass es sich um Anatols Sohn gleichen Namens handelt. Sie und Erika verstricken sich in Gefühlen für den jungen Mann. Nachdem die von Anatol schwangere Erika ihr Kind verloren hat, zieht sie sich zurück: Sie bittet ihn, Vanessa glücklich zu machen. Als ihre Tante und Anatol abgereist sind, lässt Erika Spiegel und Gemälde wieder verhüllen.

Das Theater Magdeburg bringt die Oper in der dreiaktigen Fassung von 1964 heraus. (Quelle: Theater)

Magdeburg l „Vanessa“ ist ein seltener Gast an deutschen Theatern. Magdeburgs Generalintendantin Karen Stone bringt die einzige Oper des US-Amerikaners Samuel Barber im Januar auf die Bühne ihres Hauses. Die Theaterchefin, warum sie sich für diese Oper entschied und warum sie selbst Regie führt.

Woher kennen Sie diese selten gespielte Oper?
Karen Stone: Als ich elf, vielleicht zwölf Jahre alt war und anfing, mich für Opern zu interessieren, hatte ich eine LP mit Leontyne Price, der großen schwarzen Sopranistin. Sie sang die „Vanessa“-Arie, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Dann studierte ich Musik und begegnete Samuel Barber und seinem wunderbaren „Adagio for Strings“. Er hat ja nur eine Oper komponiert, aber viele, viele Lieder geschrieben. Die Oper wollte ich seit damals immer schon machen.

Haben Sie „Vanessa“ schon einmal gesehen?
Ja, aber wirklich nur einmal. Das war 2003 in Monte Carlo.

Da leiteten Sie die Oper in Dallas. Hätte nicht diese amerikanische Oper auf den Spielplan gepasst?
Ich habe sie nicht angesetzt, weil eine andere Musik gefragt war. Samuel Barber war nicht so angesagt. Die Oper ist nach ihrer Uraufführung leider schnell in Vergessenheit geraten.

Obwohl Samuel Barber dafür sogar den Pulitzer-Preis erhielt.
Eine große Auszeichnung, die aber der Oper nicht zu mehr Popularität verhalf, auch wenn Barber sie von anfangs vier Akten auf drei Akte zusammengestrichen hat. Man wollte zu der Zeit in den USA und auch in Europa neue Klänge hören. Gleich nach der Uraufführung 1958 an der Metropolitan Opera in New York ist das Werk bei den Salzburger Festspielen zur europäischen Erstaufführung gebracht worden, fand aber bei den Kritikern wenig Anklang, die lieber mehr Stockhausen, mehr Zimmermann wollten. Ich denke, Barbers Musik war wohl zu gefällig.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach die Musik aus?
Man merkt bei Barber, dass er seine Quellen hat, ein bisschen Richard Strauss, ein bisschen Puccini. Er ist ein melodischer, vor allem aber ein sehr emotionaler Komponist. Ich finde, er kreiert wunderbar die Stimmungen der drei Frauen, ihre Einstellungen, ihre Gedanken, die Beziehungen zwischen ihnen. „Vanessa“ erzählt von drei Generationen mit ihren Obsessionen, wie sie durch ihre mangelnde Kommunikation aneinander vorbeireden, und was passiert, als eines Tages ein hübscher junger Mann in ihrer Mitte auftaucht.

Die 50er Jahre in Amerika waren Musical-Zeit. Gibt es Musical-Anklänge bei Barber?
Absolut. Das Stück steht sehr stark für die Verbindung zwischen Schauspiel und Bühne, die man aus dem Musical so gut kennt. Es ist keine Verdi-Oper mit großen Arien. Es geht vielmehr um Konversation zwischen Menschen, um große emotionale Situationen. Es ist eine Seelen-Oper.

Der Text geht auf Karen Blixen zurück?
Der Text ist von Menotti, der jahrelang mit Barber zusammengelebt hatte. Grundlage war eine Gothic Novel der bekannten Schriftstellerin Karen Blixen, die man von „Out of Africa“ kennt. Sie stand sehr unter dem Einfluss von Tschechow und Strindberg und setzte auf das Familiendrama und große Emotionen.

Das hört sich eher kammerspielartig an. Gib es auch große Chorszenen?
Aber ja. Es gibt einen Silvesterball mit dem ganzen Chor in Abendkleidern. Das ist sehr pompös und fast schon wie eine klassische Operette. Es gibt auch witzige Figuren und leichtere Unterhaltung. Das ist wichtig angesichts einer gewissen Kühle im Stück.

„Vanessa“ spielt im hohen Norden. Dort siedeln Sie die Oper auch an?
Ja, der Schnee spielt eine wichtige Rolle. Er ist eine Metapher für die Beziehungskälte der Menschen. Das Stück fängt Ende Oktober an und Erika singt: „Es gibt Schnee draußen“. Und das Stück hört Ende Februar auf und es ist immer noch Schnee da.

Gibt es Schnee auf der Bühne?
Es gibt Schnee und Schneelandschaften. Schnee ist ein enorm wichtiges Element, denn er spiegelt das Seelenleben der Menschen wider.

Das hört sich an, als ob dem Zuschauer kalt ums Herz wird.
Nein, nein. Da ist Barber dann mit seiner Musik wieder so warm. Es kommen ständig diese großen Wellen von Emotionen.

Was reizte Sie persönlich, die Regie zu übernehmen?
Es sind diese drei Frauen aus drei Generationen, die im Mittelpunkt stehen. Es ist doch bis heute so, dass sich Familienmitglieder nicht verstehen, nicht miteinander reden und sich auseinanderleben. Da wird verdrängt und bleibt so manches ungesagt. Das hat mich gereizt. Überhaupt, dass drei Frauen im Mittelpunkt stehen. Das hat man ja nicht so oft.

Wem haben Sie die Damen-Rollen gegeben?
Noa Danon ist in der Titelrolle zu erleben, Emilie Renard singt die nicht leichte Rolle der Erika und Kammersängerin Undine Dreißig ist perfekt als Baronin. Gemeinsam mit Richard Furman als Anatol haben wir ein starkes Team.

„Vanessa“ hat am 19. Januar im Opernhaus Magdeburg Premiere. Beginn: 19.30 Uhr.
Zum Premierenfieber wird am 6. Januar, 11 Uhr, geladen.
Weitere Vorstellungen: 26. Januar, 9. Februar, 31. März.