Strictly A One-Eyed Jack

John Mellencamp lässt den „Boss“ mitsingen

Als „Springsteen für Arme“ wurde John Mellencamp einst verspottet. Da steht der US-Folkrocker nach 40 erfolgreichen Jahren längst drüber. Und singt auf seinem neuen Album mit einem guten Freund - dem „Boss“.

Von Werner Herpell, dpa 25.01.2022, 06:01
Gleichklang: Bruce Springsteen und John Mellencamp.
Gleichklang: Bruce Springsteen und John Mellencamp. Taryn Weitzman/Republic/Universal/dpa

Berlin - Es ist mehr als nur ein Marketing-Coup, dass auf John Mellencamps 25. Studioalbum ein Superstar der US-Musikszene mitwirkt: Bruce Springsteen.

Der „Boss“ unterstützt den fast gleichaltrigen Kollegen auf den Songs „Wasted Days“, „Did You Say Such A Thing“ und „A Life Full Of Rain“. Man spürt die gemeinsame Wellenlänge zweier Aushängeschilder des amerikanischen Storyteller- und Heartland-Rocks.

„Ich würde Bruce als einen meiner besseren Freunde im Musikgeschäft betrachten“, sagte Mellencamp (70) in einem Radiointerview über die Verbundenheit mit Springsteen (71). „Bruce und ich reden ziemlich viel miteinander. (...) Er ist jetzt wie mein großer Bruder.“

Nach dem Coveralbum „Other People’s Stuff“ (2018) veröffentlicht Mellencamp, der nach wie vor häufig die Top 10 der US-Charts erreicht, auf „Strictly A One-Eyed Jack“ nun wieder eigenes Material. Und das kann auch vier Dekaden nach seinem großen Durchbruch mit „American Fool“ (1982), „Uh-Huh“ (1983) und „Scarecrow“ (1985) - einem famosen Folkrock-Albumdreiklang - durchaus überzeugen.

Erdige Americana-Sounds werden geboten, nicht mehr und nicht weniger - geprägt von Mellencamps kraftvoller Reibeisenstimme (bei gelegentlicher Ergänzung durch den berühmteren „Buddy“ Springsteen). „Gone So Soon“ überrascht in dem rustikalen Umfeld als traumhaft schöne Jazz-Ballade mit Anklängen an Louis „Satchmo“ Armstrong.

Erstklassiger Geschichtenerzähler

Der im US-Bundesstaat Indiana geborene Mellencamp begann seine Karriere Mitte der 1970er Jahre zunächst erfolglos unter dem Alias „John Cougar“ und hat sich seither stetig zu einem erstklassigen, oft sozialkritischen Geschichtenerzähler entwickelt.

Der legendäre Johnny Cash zählte ihn zu den besten lebenden Songwritern, 2008 wurde der Grammy-Gewinner in die „Rock and Roll Hall of Fame“ aufgenommen. 60 Millionen Alben soll er mittlerweile verkauft haben, Single-Hits wie „Jack And Diane“ oder „Hurts So Good“ laufen noch oft im US-Radio.

Mit „Strictly A One-Eyed Jack“ beweist Mellencamp nun abermals, dass er weit mehr ist als ein „Springsteen für Arme“, wie er mal genannt wurde - gerade auch weil der „Boss“ das Album mit seiner Anwesenheit adelt. „Das hat mich manchmal angepisst“, sagte er der „Times“ über den spöttischen Vergleich mit dem angeblichen Rivalen. „Ich weiß, dass das nicht passt, und Bruce weiß es auch.“