Magdeburg l Timothy Roller gehört zu den Hauptdarstellern beim Domplatz-Open-Air des Theaters Magdeburg. Er hat im Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber die Rolle von Judas. Grit Warnat hat den gebürtigen Essener auf der Bühne getroffen und mit ihm über die Rolle, Verrat und Nervosität vor der Premiere am Freitag gesprochen. 

Es gibt hier kaum Schatten. Wie viel Sonnencreme haben Sie schon verbraucht?
Timothy Roller:
Eine gute Tube. Morgens scheint schon die Sonne auf die Bühne und die Hitze kann viel Energie abverlangen. Aber wir genießen trotzdem jeden Sonnenstrahl.

Es geht jetzt in die finalen Endproben. In zwei Tagen ist Premiere. Ist die Nervosität groß?
Schon, ja. Es ist eine irre große Produktion und eine bekannte Rolle. Es ist die größte Rolle, die ich bisher gespielt habe.

Sie wollten diese Rolle?
Ich hatte mich generell für diese Produktion beworben. Seit Jahren hatte ich ein, zwei Songs der Judas-Partie für ein Vorsingen im Repertoire. Sie ist eine Traumrolle meinerseits. Ich dachte allerdings, ich wäre dem Theater noch zu jung dafür.

Wie alt sind Sie?
26. Ich habe vor drei Monaten meinen Abschluss gemacht.

Glückwunsch! Judas steht vor allem für Verrat, das Böse. Das liegt Ihnen?
Ich sehe ihn nicht als den Bösen, weil das, was er tut, nicht von bösen Absichten geleitet ist. Er möchte vielmehr helfen. Es läuft dann aber alles aus dem Ruder. Da spielt viel Verzweiflung mit. Aber hätte Judas Jesus nicht verraten, wäre die biblische Geschichte heute nicht so, wie wir sie kennen. Judas hat eine wichtige Rolle gespielt. Motiviert war er nicht von Zerstörungswünschen.

Wie definieren Sie Verrat?
Verrat ist für mich vor allem Unehrlichkeit. Für mich kann ein Verrat auch eine Lüge sein. Jeder wurde schon einmal belogen.

Sind Sie bibelfest?
Ich bin katholisch aufgewachsen und ein gläubiger Mensch, ohne eine bestimmte Religion zu favorisieren. Ich finde in jeder Religion Dinge, an denen ich mich orientieren kann, die ich gut finde.

Das Musical handelt von den letzten Tagen im Leben des Jesus von Nazareth. Haben Sie sich auf dieses Thema speziell vorbereitet?
Ich habe mir verschiedene Podcasts angehört, auch ein Schauspielstück in Wien angesehen, in dem Judas erklärt, dass er nicht der Böse ist. Ich habe für mich recherchiert und gesehen, dass es nicht eine Fassung, nicht eine Wahrheit gibt. Die muss jeder für sich selber finden. Das lässt Freiraum für Interpretation. Darauf setzen wir auch.

Konnten Sie sich in die Rolle selbst mit einbringen?
Mehr als ich anfangs dachte. Dieses Helfen-Wollen, dieses etwas Machen-Müssen stehen für mich im Vordergrund. Das bin auch sehr ich. Ich bin jemand, der gerne hilft.

Wie groß ist die Herausforderung, diese Rolle zu spielen?
Sehr groß. Es ist nicht nur die große Bühne vor dem Dom, es sind vor allem die viele Versionen, die es von diesem Musical gibt. Die habe ich im Kopf und so mancher Zuschauer sicher auch. Man vergleicht schnell.

Sie haben gesagt, die Rolle ist gesanglich schwer. Und schauspielerisch?
Schauspielerisch ist sie ein großer Kampf, weil da dieser Superstar ist und Judas schnell merkt, dass ihm nicht zugehört wird, dass er ignoriert wird. Das erfordert eine Ausdauer, weil man permanent gegen die Wand anrennt. Das will und muss ich schaffen.

Haben Sie schon open air gespielt?
Ja, schon mehrfach. Bei den Festspielen in Tecklenburg zum Beispiel war ich 2014 Bruder Tuck in „Robin Hood“ und 2016 habe ich Woof in „Hair“ in Braunschweig gespielt.

Sie haben eine Musicalausbildung, Sie übersetzen auch Musicals aus dem Englischen ins Deutsche. Das Genre ist Ihr Leben?
Auf jeden Fall. Nach dem Abitur bin ich ins Musical reingerutscht und habe mich sofort aufgefangen gefühlt, weil man auf so vielen Ebenen kreativ agieren kann. Da es im Musicalbereich nicht so viele Festanstellungen gibt, ist man hauptsächlich freischaffend tätig. Man trifft irre viele Leute, man lernt immer wieder neue Teams, neue Städte kennen. Das ist ein Traum für mich.

Sie sind deutsch-amerikanischer Abstammung.
Papa ist aus Texas, Mama ist aus Deutschand, ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber nicht bilingual. Ich war mehrfach in Amerika.

Wird in der Magdeburger Produktion englisch gesungen?
Nein.

Ist das schade?
Ja.

Warum?
Jede Übersetzung ist ein Kompromiss. Aber in Deutschland werden Musicals nun einmal in der Regel in deutscher Sprache aufgeführt.

Was liegt bis zur Premiere an Arbeit noch vor Ihnen?
Jetzt kommen alle zusammen, auch das Orchester. Es gibt sämtliche Feinabstimmungen. Und ich muss an meiner Rolle weiter arbeiten. Die Premiere ist auch ein Anfang. In den drei Wochen entwickelt sich eine Inszenierung weiter. Und ich mich mit der Rolle auch. Sie ist für mich eine große Chance.

Premiere des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals „Jesus Christ Superstar“ ist am 15. Juni auf dem Domplatz Magdeburg. Gespielt wird bis zum 8. Juli. Beginn ist jeweils um 21 Uhr. Theaterkasse: 0391/40 49 04 90.