Magdeburg l In den späten Achtzigern erlebte die in einer Sackgasse gelandete DDR-Popmusik ein neues Phänomen: Neue, alternative Bands wie Feeling B (Berlin) oder AG Geige (Chemnitz) entstanden scheinbar aus dem Nichts. Gediente Formationen wie Silly oder City änderten ihren Sound und Texte radikal, um ihr Publikum nicht zu verlieren. Die Puhdys oder Karat, die ihren Sound beibehielten, waren beim jüngeren Publikum komplett abgemeldet.

Die Stern Combo Meissen, die für einen „Progressive Rock“ stand, der etwas aus der Zeit gefallen war, erlebte eine unerwartete Wiederaufstehung. Innerhalb von zwei Jahren wurde die Gruppe cool, was in erster Linie am neuen Frontmann lag: Ralf Schmidt. Am Donnerstag wird der gebürtige Hallenser 60 Jahre alt.

Dass Schmidt so stark auf melodischen Rock-Pop setzte, war nicht zwingend vorgegeben. Als Zehnjähriger sang er in der „Zauberflöte“ am Landestheater Halle als einer der drei Knaben. In seiner Sturm- und Drangzeit spielte er in einer Punk-Band und hing in Ost-Berlin in besetzten Häusern am Senefelder Platz rum: „Wenn es eine bestimmte Krümmung der Zeit gegeben hätte, wäre ich wahrscheinlich danach Hiphopper geworden“, sagt er heute.

Zweiter Frühling für die Band

Es kam anders. Martin Schreyer, Bandchef der Stern Combo Meissen, suchte einen neuen, charismatischen Sänger. 1983 trat Schmidt in Greifswald zum ersten Mal als Sänger der Band auf, die fortan das „Combo“ im Namen wegließ. Viele waren skeptisch, aber die Band erlebte in neuer Besetzung einen zweiten Frühling. An der Leadgitarre spielte nun Uwe Hassbecker, der später bei Silly so richtig bekannt wurde. Dass Schmidt auch eine poetische Kapazität war, der Kompliziertes einfach und Einfaches ohne Kitsch formulieren konnte, bewies er schon mit der ersten Platte „Taufrisch“ von 1985, für die er nicht nur die meisten Kompositionen schrieb, sondern auch die Texte verfasste.

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1987 erschien unter dem Kürzel IC seine eigene Langspielplatte „Traumarchiv“ bei Amiga, von der 250 000 Kopien verkauft wurden. Es war das erste deutschsprachige Album mit elektronischer, tanzbarer Popmusik. Mit der LP „Nächte“ etablierte sich Stern Meissen beim zahlenden Publikum endgültig. 1988 spielten sie im Dresdner Großen Garten vor 12.000 Zuschauern. Mit „Eine Nacht“ und „Ich bin frei“ hatte Stern Meissen nun Hits im Repertoire, deren Charme bis heute nicht verblasst ist.

Mit seiner zweiten Platte „Zigeuner auf Zeit“ von 1988 etablierte er sich als gereifter Solist. Er trat mit „Dein Herz“ in der DDR-Vorzeigeshow „Kessel Buntes“ auf. Und der Albumhit „Dein Herz“ behielt seine besondere Wirkung bis heute. Als der MDR im November 2019 die Zuschauer über den Sound der Wende abstimmen ließ, war der zuständige Redakteur, der aus dem Westen kam, überrascht, dass nicht die Scorpions mit „Wind of Change“ gewannen, sondern IC Falkenberg mit „Dein Herz“.

„Das hat mir viel bedeutet, denn es war eine Publikumsabstimmung“, so Schmidt: „Ich habe den Song 1987 zwischen Soundcheck und Konzert in der Kongresshalle Leipzig geschrieben. ,Dein Herz‘ ist ein Brief an mich, der sagt, dass man durchhalten muss. Dann wird es gut werden. Du musst an dich glauben und hören, was dein Herz dir sagt. Ich hoffe, dass das für viele vor der Wende etwas war, was sie aufbaute, womit sie etwas anfangen konnten.“

Erfolge sind nicht übertragbar

Gleich nach der Wende brachen die Verhältnisse auch für die Ostmusiker in kürzester Zeit zusammen. „Unsere Erfolge waren nicht übertragbar“, kommentiert er. Schmidt tourte ununterbrochen, vornehmlich durch Ostdeutschland. Für ihn spielte es nie keine Rolle, ob nur 30 Besucher kamen.

Zunächst ließ er die Osthits komplett weg: „Ich wollte beweisen, dass ich nicht ausschließlich darauf angewiesen war.“ Auch das Kürzel IC entfiel, er war fortan nur noch Falkenberg: „Aber ich gebe es auf. Für mein Publikum bin ich immer noch IC Falkenberg.“ Seit einigen Jahren gehören die Hits von Stern Meissen und IC wieder zum Live-Repertoire. „Ich habe zwölf Songs, die kennt im Osten jeder“, sagt er, und wer ihn einmal live erlebt hat, weiß um ihre Wirkung.

Seit zehn Jahren lebt Schmidt wieder in seiner Geburtsstadt Halle. Berlin war für ihn erschöpft. In Halle fühlt er sich wohl. Er betrachtet sich als Minimalist, von Dingen, die er für überflüssig hält, hat er sich getrennt. In seiner Wohnung sind Studio und Büro integriert. Er selbst lebt geradezu asketisch. Keine Zigaretten mehr, selten Wein und Kaffee.

Die Corona-Krise hat ihn genauso getroffen wie die meisten seiner Branche. Die neue Platte liegt auf Eis, aber in seinem Tour- kalender finden sich wieder neue Termine. Es wird weitergehen.

IC Falkenberg live: Festung Mark, Magdeburg, 3. Oktober 2020, 20 Uhr.