Berlin (dpa) l Derbe Beleidigungen und wüste Beschimpfungen – Gangster-Rap steht in dem Ruf, martialisch und frauenfeindlich zu sein. So will Sänger Fler statt Frauen lieber „Hoes“ (Huren), die „blasen wie Pros“ (Professionelle). Die Textzeile stammt von Flers neuem Album „Atlantis“, das der Mann mit dem bürgerlichen Namen Patrick Losensky in einer Woche veröffentlicht.

Kollege Bushido (bürgerlich Anis Ferchichi) ist im Herbst 2019 vor Gericht „abgeschmiert auf ganzer Linie“, wie er selbst sagte: Richter urteilten, dass sein Album „Sonny Black“ zu Recht auf dem Index steht. Die Bundesprüfstelle setzte es auf die Liste jugendgefährdender Medien wegen der „hemmungslosen“ Darstellung von Gewalt.

Bushido, Fler und Co brechen aber nicht nur Tabus - sondern auch Rekorde. Gangster-Rapper Capital Bra etwa hält inzwischen 20 Nummer-eins-Hits in den deutschen Charts – mehr als jeder andere Musiker. Forscher gehen davon aus, dass das Subgenre des HipHop, das in den 80er Jahren in den USA entstanden ist, vor allem unter jungen Männern beliebt ist. Verlässliche Daten zur Rezeption gebe es aber bislang keine.

Spekulationen über ethnische und Milieu-Zugehörigkeiten der Rap-Hörer findet Marc Dietrich problematisch. Der Soziologe von der Hochschule Magdeburg-Stendal betont, dass auch Studenten aus bildungsbürgerlichem Hause die Musik spannend fänden – weil die darin beschriebene Welt so weit von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit entfernt sei.

Der Gangster-Rap thematisiert auch Erfahrungen aus dem kriminellen Milieu. „Typisch sind Narrative über Drogendeals, Durchsetzungsfähigkeit und erwirtschafteten Reichtum“, erläutert Dietrich. Die Umstände, die die Rapper beschreiben, seien zwar prekär, sagt Martin Seeliger von der Universität Hamburg. „Aber in ihrem Mikrokosmos sind sie die großen Player.“ Die beiden Soziologen sehen im Gangster-Rap deshalb auch ein Phänomen der neoliberalen Gesellschaft. Denn die Rapper trotzen in ihren Songs widrigen Umständen und sind erfolgreich.

Antisemitische, homophobe und misogyne Tendenzen kommen Seeliger zufolge nicht aus dem Nichts: „Die Rapper stehen nicht irgendwo draußen, sondern in der Gesellschaft.“ „Selbst wenn Gangsta-Rap nicht unmittelbar negativ wirksam ist, müssen sich die Künstler für ihre Texte verantworten“, betont Dietrich. Er bemängelt, dass sich die Szene mit ihren problematischen, teils auch antisemitischen Inhalten „noch viel zu sehr hinter einem undifferenziert vorgetragenen Kunstargument verschanzt.“