Archiv-Schätze

Queen legen „The Miracle“ neu auf

Vor 33 Jahren erschien „The Miracle“ von Queen. Passend zu Weihnachten beschert die Band ihre Fans mit einer stattlichen Neuauflage des Klassikers mit bisher unveröffentlichten Songs und vielem mehr.

Von Philip Dethlefs, dpa Aktualisiert: 02.12.2022, 17:27
Adam Lambert (l) und Brian May von Queen bei einem Auftritt in Chicago 2019.
Adam Lambert (l) und Brian May von Queen bei einem Auftritt in Chicago 2019. Rob Grabowski/Invision/AP/dpa

London - Es war eine turbulente Zeit für Queen, als die vier Musiker vor fast genau 35 Jahren mit der Arbeit an ihrem 13. Studioalbum begannen. Am 9. August 1986 hatte die Band zum Abschluss ihrer „Magic Tour“ in Knebworth ein gigantisches Konzert vor 120 000 Menschen gespielt, das ihr letztes bleiben sollte.

Wenig später wurde bei Sänger Freddie Mercury eine HIV-Infektion diagnostiziert. Nach einer Bandpause kamen Queen im Dezember 1987 wieder zusammen, um „The Miracle“ aufzunehmen, das im Mai 1989 erschien. 33 Jahre später gibt es jetzt eine Neuauflage des Albums mit zuvor unveröffentlichten Tracks und viel Material aus dem bandeigenen Archiv.

Was „The Miracle“ ausmacht

Mit Evergreens wie „I Want It All“, „The Invisible Man“, „Breakthru“ und dem Titelsong zählt „The Miracle“, das in London und Montreux aufgenommen wurde, zu den stärksten Alben von Queen. Unter anderem in Großbritannien, Deutschland, Österreich und der Schweiz toppten Freddie Mercury, Brian May, John Deacon und Roger Taylor damit die Hitparaden.

Wie üblich bei Queen, ist „The Miracle“ kein gewöhnliches Rockalbum, sondern ein vielseitiger Mix aus kräftigem Rock, hochklassigem Pop mit Melodien, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen, und vielen genialen Details. In „Rain Must Fall“ erklingen latein-amerikanische Rhythmen. „Was It All Worth It“ schafft großes Kino für die Ohren - ein Rockepos mit Filmatmosphäre. „Scandal“ ist Gitarrist Mays Kritik an der britischen Boulevardpresse, die über Mercurys Gesundheit spekuliert und Mays Ehe-Aus medial ausgeschlachtet hatte.

Wie die Band-Mitglieder zusammen gearbeitet haben

Im Studio herrschte laut May ein konstruktives Miteinander. Die Band hatte zuvor entschieden, dass erstmals bei jedem Song alle Mitglieder als Songwriter gelistet werden, unabhängig davon, wer die Grundidee hatte. „Eine echt wichtige Entscheidung für uns. Wir haben unsere Egos vor der Studiotür gelassen“, erinnert sich May heute. „Und wir haben als echte Band zusammengearbeitet, was nicht immer der Fall gewesen war. Ich wünschte, wir hätten das 15 Jahre früher gemacht.“

Mercurys niederschmetternde Diagnose schweißte die Band zusätzlich zusammen. „Wir hatten auch mit Freddies abbauender Gesundheit zu kämpfen und haben zusammen alles getan, um ihn zu unterstützen“, so May. Da Mercury nicht mehr auf Tournee gehen konnte, investierten Queen im Studio alle Energie in die Produktion des neuen Albums.

Die unveröffentlichten Songs

Über 30 Songs nahm das Quartett damals auf. Einige landete auf den Folgealben „Innuendo“ und „Made In Heaven“, andere verschwanden im Archiv. Bis jetzt. Die umfangreiche „Collector's Edition“ von „The Miracle“ ist ein Boxset mit insgesamt fünf CDs. Auf der ersten ist das Originalalbum. Die zweite heißt „The Miracle Sessions“ und ist eine Sammlung von interessanten Demos bekannter Lieder - teilweise mit Studiogesprächen - und sechs bislang unveröffentlichten Songs.

„Face It Alone“ ist eine düstere Ballade, in der sich Mercury vermutlich mit der dramatischen HIV-Diagnose auseinandersetzt. „You feel your soul is burning alive“ („Du hast das Gefühl, deine Seele verbrennt bei lebendigem Leib“), singt er. „When Love Breaks Up“ ist eine Piano-Ballade, die teilweise auf dem fertigen Album in „Breakthru“ verarbeitet wurde, das hier ebenfalls in seiner ursprünglichen Form zu hören ist. Die „Collector's Edition“ ist eine echte Schatztruhe für Queen-Fans.

„I Guess We're Falling Out“ ist ein weiteres Lied, das Queen damals einfach wegwerfen konnten, während andere Künstler wohl froh wären, nur einen Song dieses Kalibers geschrieben zu haben. In „Dog With A Bone“ wechseln sich Mercury und Drummer Roger Taylor beim Singen ab. Brian May übernimmt den Leadgesang bei „You Know You Belong To Me“ und dem atmosphärischen „Water“. Dass die Songs mit den zehn Tracks, die auf dem Album gelandet sind, nicht ganz mithalten können, ist absolut kein Makel.

Was die „Collector's Edition“ bietet

Die dritte CD, „Alternative Miracle“, mit B-Seiten, erweiterten Tracks, Live-Mitschnitten und Single-Versionen sollte laut Angaben von Queen eigentlich als Nachklapp zu „The Miracle“ erscheinen, wozu es allerdings nie kam. Mit „Stealin'“ und dem von Taylor gesungenen „Hijack My Heart“ sind einige echte Juwelen dabei. Letzteres hätte mit Mercurys Stimme vermutlich sogar noch besser geklungen.

Die vierte und fünfte CD der Box enthalten die Instrumentaltracks sowie Interviews mit allen vier Bandmitgliedern von damals. Das Boxset beinhaltet obendrein das Originalalbum als Vinyl-LP sowie eine Blu-Ray und eine DVD mit den Musikvideos zu „I Want It All“, „Breakthru“, „The Invisible Man“, „Scandal“ und „The Miracle“, mit Interviews und mit Making-Of-Features - und ein Hardcover-Buch.

Preis und Alternative

Aufwendige Neuauflagen populärer Albenklassiker sind in Zeiten, in denen die Verkaufszahlen für physische Medien schwinden, noch immer ein einträgliches Geschäft für Bands und Musikverlage. Die Fans müssen dafür oft tief in die Tasche greifen. Das Boxset „The Miracle - Collector's Edition“ soll rund 160 Euro kosten. Trotz des starken Inhalts und der schönen Aufmachung ist das ein stolzer Preis.

Wem das zu viel Geld ist, kann auf die sehr viel schlankere „Deluxe Edition“ zurückgreifen, die für ca. 20 Euro zu haben ist. Sie besteht aus dem remasterten Originalalbum und einer zweiten CD mit 16 Tracks, die immerhin eine kleine Auswahl dessen beinhaltet, was es in der großen Box zu entdecken gibt. Wohl keine wirkliche Alternative für hartgesottene Fans und alle, die sich denken: „I Want It All.“