Berlin l Das Nutzungsverhalten beim Hören von Musik hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert. Die Platte ist trotz Vinyl-Revival eher Relikt. Die CD aus jugendlicher Sicht längst auch. Immer mehr Menschen hören online Musik. Spotify ist in aller Ohren, aber eben nicht nur. Auch Deezer, qobuz, Amazon Music unlimited oder Apple Music streamen Pop- und Rocktitel. Das Prinzip: Fast alles ist jederzeit verfügbar, es kostet wenig, günstige Monatsabos machen es möglich.

Klassische Musik per App

Lediglich klassische Musik führte in der schnelllebigen Onlinewelt ein Nischendasein. Bis ein Berliner Startup-Unternehmen namens Idagio 2015 den Markt aufmischte und ebenso einen Streaming-Dienst für Klassik-Fans und für einen Preis ab 9,99 Euro pro Monat aufbaute.

Zum Team der ersten Stunde zählt auch der gebürtige Wittenberger Mattes Groeger, der später in der Bachstadt Köthen aufwuchs. Ein beseelter Ort für Klassikfans. Die Klassik hat in seinem Leben aber selbst weniger Spuren hinterlassen als die Leidenschaft für technische Entwicklungen. Ganz folgerichtig studierte er an der Hochschule Harz in Wernigerode Medieninformatik.

Bilder

Von Sachsen-Anhalt ging es für Groeger über Umwege nach Berlin. In Aachen arbeitete er drei Jahre für eine Agentur mit ganz verschiedenen technischen Projekten. Dann rief ein Headhunter an und für Groeger ging es zu der Spiele-Entwicklerfirma Wooga. „Berlin hat mich sofort fasziniert, es war eine Stadt in Bewegung mit sehr kreativem Potenzial. Berlin war damals Fußball-WM-Stadt und die Atmosphäre hat mich überwältigt“, schwärmt Groeger.

Also blieb er und entwickelte als Informatiker erst mit der Flash-Technologie dann auf Basis von iOS zahlreiche Spiele. Doch der Trend zum Konsum auf mobilen Geräten setzte sich immer stärker durch. 2015 wechselte Mattes Groeger nach fünf Jahren zum Streaming-Dienst Idagio.

App von Idagio in 180 Ländern

Groegers Position nennt sich aktuell Teamleitung Mobile Engineering: Dahinter verbirgt sich die Entwicklung von mobilen Angeboten für die Nutzer des Streaming-Dienstes, der es Anfang 2019 auf über eine Million App-Dowloads gebracht hat und mittlerweile in über 180 Ländern genutzt wird. „Wir waren vor vier Jahren die ersten im Klassikmarkt, die sich Gedanken über die Entwicklung einer mobilen App gemacht haben. Dieser Einstieg in ein neues Produkt und eine neue Welt, war für mich das wirklich spannende an dem Wechsel“, erzählt Mattes Groeger.

Es ging darum, die Qualität des Musikstreamens auch auf mobilen Geräten in hoher Qualität zu ermöglichen. Ein technischer Prototyp war vorhanden, aber er war mehr Hülle, die mit Funktionen gefüllt werden musste, um Mehrwert für Nutzer zu bieten.

Festes Team bei Idagio in Berlin

Groegers Vorteil bei Idagio: Statt mit zahlreichen externen Firmen zusammenzuarbeiten, setzte die Firma früh auf ein festes Team innerhalb des Unternehmens. So konnten die Entwicklung der iOS App und später der Android App konsequenter vorangetrieben werden. „Es gab keinen Reibungsverlust durch Abstimmungen mit freien Zulieferern“, so Groeger. „Wir saßen zu dritt in einer Berliner Altbauwohnung und haben entwickelt. Das klingt wie die Garage von Steve Jobs, aber durch die Nähe ging vieles schneller. Heute sitzt Idagio mit rund 80 Mitarbeitern am Tempelhofer Ufer in einem Industrieloft.

Klare Struktur in Klassik-App

Die Anwendungen beim Streamen klassischer Meisterwerke überzeugen: Die Struktur der Datenbank ist einfach zu verstehen. Wer nach Bachs Goldberg-Variationen sucht, findet viele verfügbare Aufnahmen und entdeckt ganz nebenbei noch musikalische Überraschungen. „Klassik ist von der Struktur her umfassender“, ergänzt Idagio-Sprecher Elias Wuermeling. „Bei Pop oder Rock suche ich nach dem Interpreten, aber bei Klassik ist das schon eine entscheidende Frage. Wer ist der Künstler? Der Komponist, der Interpret, der Dirigent, das Orchester, der Solist? Fragen über Fragen und die mussten wir mit einer gewaltigen Datenmenge in eine Struktur bekommen.“

Doch über Jahre konnten Techniker, Informatiker, Designer und Entwickler wie Mattes Groeger die Anfangsprobleme lösen. „Ein gutes Beispiel für eine erste Hürde war damals das Musikhören über mobile Netzwerke. Bei einem Pop-Song brauche ich zweieinhalb Minuten gute Klangqualität. Das ist schnell gemacht, aber bei großen Orchesterwerken, die eine Stunde dauern, muss ich für den Nutzer Musik ohne klangliche Unterbrechungen anbieten. Das waren Herausforderungen.“

Umfangreicher Musik-Katalog

Idagio hat eine hohe Audio-Qualität, einen weltweit umfangreichen Musik-Katalog samt kuratierter Playlisten. Mattes Groeger selbst hat mit seinen Kollegen jüngst die App für den spanischen Markt angepasst. Was im Drei-Personen-Team gestartet ist, umfasst heute als Team rund 12 Entwickler. Inzwischen hat Idagio auch einige Konkurrenz bekommen. Grammofy, Henry, Deezer und Spotify bieten ebenfalls das Streaming von klassicher Musik an.