Berlin l Dorothee Oberlinger ist eine gefragte Musikerin. Sie gibt nicht nur zahlreiche Konzerte und spielt CD‘s ein, sie ist seit 2004 Professorin an der Universität Mozarteum Salzburg, wo sie das dortige Institut für Alte Musik leitet. Seit einem Jahrzehnt führt sie die Arolser Barockfestspiele an und ist seit 2019 Intendantin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Und doch findet sie zwischen Pressekonferenz in Berlin und Zugfahrt in die Heimat Köln Zeit für ein Gespräch.

Volksstimme: Frau Oberlinger, wie viele Stunden müsste ein Tag für Sie haben?
Dorothee Oberlinger (lacht): Oh, sehr viele. Ich brauche ein gutes Zeitmanagement, um alles unter einen Hut zu bekommen. Ich habe mehr als 60 Konzerte im Jahr, die Intendantenaufgaben, die Lehrtätigkeit und natürlich meine Familie.

Kommen Sie noch zum Üben?
Kaum. Ich habe Repertoirestücke, in die ich nicht mehr viel Übezeit im stillen Kämmerlein investiere, bei den Proben frische ich sie auf. Aber für neue Werke oder Uraufführungen und Stücke mit speziellen Spieltechniken muss ich mich in Klausur begeben. Das tut mir immer wieder gut.

Wenn Sie unterwegs sind, haben Sie dann eine Flöte immer mit dabei?
Ich reise meistens mit Instrumenten, weil ich fast immer auch Auftritte habe. Letztens hatte ich übrigens ein schreckliches Erlebnis, als im Flugzeug eine Dame meinen Koffer versehentlich mitgenommen hatte. Sie rief nach Stunden an. Zwei meiner besten Konzertflöten hatte ich zum Glück wieder. Sie sind unersetzlich, weil sie von einem verstorbenen Flötenbauer sind.

Gibt es bei der Flöte ein besonders wertvolles Instrument wie zum Beispiel bei der Geige eine Stradivari?
Nein. Es ist nicht so, dass sie mit dem Alter auch kostbarer werden. Die Flöte leidet über die Jahre unter der Feuchtigkeit durch das Spielen, das Holz kann sich verziehen. Ich schmeiße aber deswegen nichts weg, sondern arbeite mit meinen Flötenbauern zusammen, die Block und Windkanal, gewissermaßen das Epizentrum des Klangs, wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzen.

Wie viele Flöten besitzen Sie?
Um die 100. Ich brauche mehrere Flöten für ein Konzert. Die Anzahl hängt vom Repertoire ab, aber auch von den räumlichen Gegebenheiten. Ich wähle vor Ort aus, welche Instrumente ich nutze.

Sie sind preisverwöhnt, haben unter anderem drei Echo Klassik bekommen. Im März werden Sie mit dem Telemann-Preis geehrt. Was bedeutet er Ihnen?
Viel. Es ist sehr schön, sich in einem Kreis hochgeschätzter Musiker wie Nikolaus Harnoncourt, René Jacobs oder Reinhard Goebel wiederzufinden. Es freut mich aber auch für den Komponisten und seine Musik, die ich interpretiere. Telemann ist ein großartiger Musiker, ein Allroundtalent in Musik und Sprache.

Sie sprechen von Telemann oft im Präsens.
Er ist ja auch gegenwärtig.

Was macht Telemann so besonders?
Er ist stilistisch unglaublich vielfältig. Ich leite zu den Musikfestspielen in Potsdam mit „Pastorelle en musique“ meine erste Telemann-Oper, die sehr gut zeigt, wie ideenreich und tiefenpsychologisch Telemann ist. Da gibt es so viel Melodik und Esprit. Er setzt deutsche, französische und italienische Stile gekonnt ein. Er hat unglaublich viele Klangfarben. Telemann ist einfach perfekt.

Die Oper führen Sie im sanierten Schlosstheater im Neuen Palais auf, ein Haus Friedrichs des Großen. Jeder kennt die Gemälde, die den Flöte spielenden Preußenkönig zeigen. Konnte er gut Flöte spielen?
Er musste es gut gekonnt haben, weil die Konzerte, die ihm gewidmet sind, sehr virtuos und nicht gerade leicht sind.

Das Instrument hat nicht den besten Ruf. Fast jeder hat als Kind mal Blockflöte gespielt.
Leider ist das so. Die Leute sind immer wieder erstaunt, wenn sie meine Konzerte hören. Ich vergleiche gern mit dem Fußball. Da gibt es auch den Breitensport und andererseits Spitzensportler, die in der Bundesliga landen, weil sie den Ball richtig gut beherrschen. Natürlich bekommt man beim Flötenspiel schnell einen Ton heraus, aber für den großen Kosmos braucht es dann doch Talent und sehr viel Übung.

Die Jury für den Telemann-Preis lobt Sie für Ihre einfühlsame Interpretation und eine singende Tongebung. Was ist damit gemeint?
In der Renaissance gab es eine erste Flötenschule in Venedig, deren Autor Sylvestro Ganassi sagte, dass die Flöte sich an der menschlichen Stimme, an unserer Sprache orientieren soll. Telemann sagt, und das ist nah dran an Ganassi, dass für ihn das Singen das Fundament aller Dinge sei, also auch in der Instrumentalmusik. Die langsamen Sätze seiner Flötensonaten zum Beispiel sind Arien, nur ohne Worte, man kann sich genau vorstellen, welche Worte und welche Opernszene, welcher Affekt gemeint ist – und das versuche ich als „Sängerin“ auf meiner Flöte deutlich zu machen.

Unter den Barockmusikern hat Telemann nach wie vor einen schweren Stand. Warum ist das so?
Ganz ehrlich: Ich verstehe es nicht. Er hat viele Ohrwürmer geschrieben, die aber nicht so bekannt sind. Bach und Händel sind viel bekannter, weil sie immer wieder gespielt werden und die Menschen die Musik stärker verinnerlicht haben, es einen Wiedererkennungseffekt gibt. Es gibt zum Beispiel einen langsamen Satz von Telemann aus einem seiner Flötenkonzerte, den hat Bach in einem Cembalokonzert verarbeitet. Keiner weiß leider, dass diese hitverdächtige Melodie von Telemann ist. Ich finde das sehr schade.

Sie sind Pfarrerskind. Hat Ihnen das den Zugang zu geistlicher Musik erleichtert?
Ich bin damit aufgewachsen. Bei uns wurde viel Hausmusik gemacht, wir haben das bekannte barocke Repertoire rauf und runter gehört. Mit 14 habe ich angefangen, in der Kirche, wo mein Vater damals Pfarrer war, meine erste kleine Konzertreihe zu entwerfen. Sehr früh schon habe ich auch Telemann gespielt.

Haben Sie Flöte von Anfang an gespielt?
Ja. Cello und Flöte, später auch Klavier und Gambe. Und der Kirchenchor kam noch dazu.

Warum sind Sie bei der Flöte geblieben?
Die Flöte habe ich mit ins Bett genommen und dort noch gespielt. Selbst in die Badewanne bin ich mit Flöte gestiegen. Sie war von Anfang an eine natürliche Verlängerung meines Atems.

Zu den Telemann-Festtagen werden Sie nicht nur geehrt, Sie geben auch Konzerte. Worauf freuen Sie sich besonders?
Auf das Ensemble Konbarock. Die jungen Musiker vom Konservatorium haben mich auch in Salzburg besucht. Solche schönen Kontakte sind für mich wichtig, wie auch meine Lehrtätigkeit am Mozarteum in Salzburg, wo ich Flötisten aus aller Herren Länder unterrichte. Es macht mir sehr viel Spaß, junge Menschen auf ihrem Weg in die musikalische Selbständigkeit zu begleiten. Für mich ist das keine Einbahnstraße, sondern ein wunderbares Geben und Nehmen. Auch ich bekomme viele Anregungen für neue, frische Ideen.