Der Biologe Hans Fricke hat jahrzehntelang die Weltmeere erkundet und mit seinem Tauchboot Geo Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Über sein erstes Unterwasserhaus, seine Forschungen und die Intelligenz von Fischen erzählt er jetzt in seinem Buch „Unterwegs im blauen Universum“. Grit Warnat hat mit dem 78-Jährigen gesprochen. 

Volksstimme: Ihre Karriere, so schreiben Sie, begann als Aaljäger in der Alten Elbe. Weil Sie Aal essen wollten?

Professor Hans Fricke: Ich esse keinen Fisch. Ich habe die Aale meinen Eltern gegeben. Sie hatten wenig Geld, ich hatte kein Taschengeld. Wenn ich durstig war, habe ich sogar manchmal Elbwasser getrunken. Es hat nicht geschmeckt, aber es hat mir nicht geschadet.

 

Der Beginn einer Leidenschaft fürs Wasser?

Ich habe schon vorher in der Elbe in Schönebeck schwimmen gelernt, da war ich sechs Jahre alt. Wie am Kran bin ich mit einer Angel ins Wasser gehievt und dann langsam abgesenkt worden. Da fingen die Erlebnisse an.

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Für Ihre erste Tauchausrüstung haben Sie einen Feuerlöscher zweckentfremdet. Wie kommt man denn darauf?

Der Feuerlöscher hat eine Sieben-Liter-Druckflasche. Die haben wir gereinigt und dann als Luftdruckflasche benutzt.Das war die einzige Flasche, die zur Verfügung stand. Das Gebilde habe ich übrigens mit meinem Jugendfreund Horst Bust entwickelt. Er lebt noch in Schönebeck. Horst habe ich alles zu verdanken. Er war der Techniker.

Aber auch Sie wurden immer kreativer. Später haben Sie ein Unterwasserhabitat gebaut.

Dieses Unterwasserhaus habe ich in Israel gebaut. Es war ein tolles Gerät.

War das damals neu?

Nein. Solche Unterwasserhabitate hat es einige gegeben. Cousteau hatte damit angefangen und die Amerikaner haben es weitergeführt. Auch die Deutschen hatten ein Habitat, das Unterwasserlaboratorium Helgoland. Aber das waren alles Millionenprojekte. Ich war kein Millionär. Mir half nur die Marke Eigenbau.

Wie groß war der Wunsch, unter Wasser zu bleiben?

Riesig. Ich wollte unbedingt meine Unterwasserzeit verlängern. Ich hatte auch Pläne für ein Unterwasserzelt. Ich hatte Dynamit Nobel von meinem Unterwassercamping erzählt. Man war davon wahnsinnig begeistert und hatte mir dieses Ding gebaut und es mir kostenlos nach Israel geschickt. Die Beobachtung und Erforschung der Röhrenaale war das erste große Projekt, das ich mit dem Unterwasserhaus gemacht habe. Mein längster Unterwasseraufenthalt dauerte 18 Tage.

Sie schreiben in Ihrem Buch nicht nur mit Begeisterung über Röhrenaale. Flohkrebse bezeichnen Sie sogar als Obsession.

Flohkrebse sind toll. Ich habe sie in Südfrankreich gefunden. Sie haben keine Augen. Ich wollte mir anschauen, wie sie alles blindlings machen. Ich habe sie in Deutschland gesucht und im Hallstätter See gefunden und festgestellt, dass sie zwei riesengroße Antennen haben. Wenn ein Flohkrebs mit denen irgendwo gegenstößt, dann macht das kleine Vieh eine Rolle rückwärts. Wie ein Schwimmer. Das ist verrückt. Ich habe sie neben den Alpenseen auch in künstlichen Habitaten gesucht. Dann bin ich in einen der tiefsten Brunnen der Welt gestiegen, tauchte in Mittelbau-Dora, wo Hitler einst seine Wunderwaffe V 2 gebaut hat. Ideales Habitat für meinen Flohkrebs, dachte ich. Aber gefunden habe ich ihn nicht.

Andere tauchen in sonnendurchfluteten Korallenriffen.

Ich doch auch. Über den Anemonenfisch habe ich sehr viel geforscht. Wir nennen ihn auch Clownfisch. Er hat ein wahnsinnig tolles Gehirn, ein unglaubliches Gedächtnis. Das habe ich im Versuch getestet. Außerdem wechselt er sein Geschlecht. Er wird als Männchen geboren. Wenn sich dann zwei Homosexuelle zusammentun, wird einer dominant und wechselt innerhalb von zwei, drei Wochen sein Geschlecht. Er wird zum Weibchen. Ich habe auch nachgewiesen, dass sich die Fische individuell erkennen. In Experimenten habe ich wissenschaftlich aufgezeigt, dass sie Otto von Heinrich unterscheiden können. Ich habe Empathie entdeckt.

Empathie bei Fischen?

Ja. Anemonenfische können sich in den anderen reinfühlen. Dafür habe ich von den Psychologen Haue bekommen, denn Empathie bei Fischen darf es nicht geben.

Essen Sie deswegen keinen Fisch?

Nein, das hängt mit einem Kindheitserlebnis zusammen. Ich war fünf, sechs Jahre alt, als ich im Krankenhaus in Schönebeck lag. Da war eine fürchterliche Schwester mit einem Dutt. Die Frau hat mich gezwungen, einen grünen Hering zu essen. Ich habe mich übergeben. Seitdem ist Fisch auf dem Teller tabu.

Sie gelten als Entdecker des Quastenflossers. Wie hat der Quastenflosser Ihr Leben beeinflusst?

Entdeckt habe ich ihn nicht. Man hat ihn 1938 in Südafrika auf einem Fischmarkt gefunden. Als Leiche. Es war ein ganz seltener Fisch, der seit 60 Millionen Jahren als ausgestorben galt. Er war ein lebendes Fossil. Er wurde immer wieder geangelt, aber kein Mensch hatte ihn in seinem natürlichen Lebensraum gesehen. Da habe ich mir gesagt, Fricke, das ist ein Projekt für dich.

Und dann sind Sie wieder abgetaucht.

Ja. Ich wusste, dass er auf den Komoreninseln vorkommt. Ich bin von Madagaskar aus unterwegs gewesen. Ich wollte ihn unbedingt finden. Ich brauchte aber ein Tauchboot für größere Tiefen. Gemeinsam mit zwei tschechischen Ingenieren bauten wir das U-Boot Geo, mit dem wir unglaublich viele Tauchabstiege gemacht haben. Und dann haben wir den Quastenflosser gefunden.

Einmal mehr half Ihnen der Eigenbau.

Ja, freilich. Ich wusste, dass die richtigen U-Boote viel zu schwer waren, ich brauchte in leichtes Gerät, dessen Technik ich überschauen und an dem ich selbst reparieren konnte.

Das hört sich sehr wagemutig an. Sie hatten nie Angst?

Entdeckt habe ich ihn nicht. Man hat ihn 1938 in Südafrika auf einem Fischmarkt gefunden. Als Leiche. Es war ein ganz seltener Fisch, der seit 60 Millionen Jahren als ausgestorben galt. Er war ein lebendes Fossil. Er wurde immer wieder geangelt, aber kein Mensch hatte ihn in seinem natürlichen Lebensraum gesehen. Da habe ich mir gesagt, Fricke, das ist ein Projekt für dich.

Sie haben mehr als 10 000 Stunden unter Wasser verbracht. Tauchen Sie noch?

Ja. Natürlich. Aber ich tauche mit Gerät, nicht mehr mit dem U-Boot.

Wer schnorchelt und taucht, stößt auf Müll. Wie haben sich die Weltmeere verändert?

Wissen Sie, das Meer ist wichtig als Transportweg, Erholungsraum, als Ernährungsbasis für den Menschen. Wo viele Menschen sind, sieht es unter Wasser nicht gut aus. Und durch die Flüsse driftet jede Menge Plastik ins Meer. Es gibt Hunderte von Quadratkilometer großen Wirbeln, da wird Plastik zermahlen, zerrieben, bildet Mikropartikel, die in der Wassersäule gefunden werden. Mich wundert auch nicht, dass in einem Tiefseegraben im Pazifik in fast 11 Kilometer Tiefe eine Plastiktüte gefunden wurde. Wo der Schrott der Menschheit ins Meer gegangen ist, sieht es nicht gut aus. Aber mich stimmt zuversichtlich, dass es noch viele gute Stellen gibt. Die Ozeane sind wahnsinnig groß.

 

Hans Fricke: „Unterwegs im blauen Universum“, Verlag Galiani, 352 Seiten, 25 Euro.