Wernigerode l Er verspreche, spritzig zu dirigieren, so der Chef der Kammerphilharmonie Wernigerode, Christian Fitzner. Aber der sanfte Sommerregen wollte sich am Premierenabend partout nicht nach der Wetter-App richten. Dabei war der Vorplatz des Schlosses mit seinem Super-Brockenblick wieder vorbildlich vom örtlichen Catering ausstaffiert und der malerische Innenhof von Katharina Rode mit ein paar Versatzstücken liebevoll auf Allzweck-Opernkulisse getrimmt worden. Und wann kann man hierzulande schon mal Vincenzo Bellinis „Romeo und Julia“ live sehen und vor allem hören?

Die Opern des Verdi-Vorgängers, der nur von 1801 bis 1835 lebte, dessen Name aber in einem Zuge mit dem Belcanto genannt wird, haben es heutzutage schwer, ins Repertoire zu kommen. Nicht etwa, weil die Partien schwer zu singen wären oder die große Anwältin von Bellinis Wiederentdeckung, Maria Callas, alle Nachfolgerinnen lähmen würde, die sich heute an „ihre“ Rollen heran wagen. In Wernigerode erlebt man den Gegenbeweis. Nein, es ist die etablierte Übermacht der Großkomponisten Verdi und Wagner, die die Zeitgenossen ihres Jahrhunderts nachhaltig in den Schatten verbannt haben. Das geht es dem Belacanto nicht anders als der Grand Opéra. Aber es muss sich ja niemand dran halten.

Regisseurin Birgit Kronshage freilich misstraut selbst der Vorlage, obwohl die von keinem Geringeren als Shakespeare stammt. Sie erfindet etwas allzu zeitgeistig wohlfeil eine alternative Romeo-Biografie zur klassischen Melange aus Liebesgeschichte und Familienfehde dazu. In der ist Romeo eigentlich ein Mädchen, das in der Ferne als Junge erzogen und ein ziemlicher Haudrauf wurde.

Als er bzw. sie dann nach Verona zurückgekehrt, ist er/sie in Liebe zu Julia entbrannt und die erwidert das auch noch. Romeo – so behauptet die Regie – ist also keine Hosenrolle, sondern tatsächlich eine Frau, die nur vorgibt, ein Mann zu sein, und der das auch noch alle Welt abnimmt. Das Ganze wird von der hinzuerfundenen eigenen Mutter in der Rückschau erzählt. Doch bleibt das alles eine Gedankenspielerei für das vom Genderdiskurs genervte Publikum von heute.

Die Geschichte läuft im Wesentlichen, wie sie von Shakespeare her ins Libretto von Felice Romani gelangt und allgemein bekannt ist: mit vielen Toten, aber ohne lesbisches Outing. Nur was soll es dann? Die Idee, eine Erzählerin einzuführen, die die Funktion der deutschen Übertitel fürs Italienische übernimmt, ist höchst theaterpraktisch, passt zu den Bedingungen vor Ort und ist zudem mit Emanuela von Frankenberg (sie hört sich nicht nur so an: es ist Schwester Agnes aus dem Kloster-Kaltenthal der TV Serie „Um Himmels Willen“) prominent besetzt. Die Mutter, die sich Vorwürfe macht, dem absurden Plan, die Tochter als jungen Mann zu erziehen, zugestimmt zu haben, ist freilich vor allem gegen Ende hin dann doch zu dick aufgetragen und zu wenig plausibel. Aber was soll’s.

Man kann diese Ebene auch einfach beiseite lassen und sich an den exzellenten Interpreten erfreuen. Und das gleich noch an zwei Spielstätten. Nach der schmissigen (sprich auch von oben noch spritzigen) Ouvertüre spielte das Wetter dann doch eine Weile mit und ließ der Aura des romantischen Schlosshofes eine Chance, sich zu entfalten. Als es dann kurz vor der Pause doch wieder langsam losging, machte der nicht nur umsichtig dirigierende, sondern gleich noch moderierende Dirigent den Zuschauern Plan B schmackhaft. Also den Umzug in die Schlechtwettervariante, den Marstall am Fuße des Schlossberges. Offensichtlich gerade frisch hergerichtet, mit Minimalkulisse (aber die spielte eh keine große Rolle), improvisierter Beleuchtung – und mit einer Akustik, bei der das Philharmonische Kammerorchester weniger gedämpft klingt als unter seinem Schutz-Dach im Schlosshof. Das war die publikumsfreundlichste Variante des Wetterkrisenmanagements (also ohne Abbruch). Das dafür dankbare Publikum hatte auch so allerhand zu bejubeln.

„Romeo und Julia“ mit exzellenter Bese

Die Besetzung, die man für die Vorstellungsserie in Wernigerode gecastet hatte, war nämlich exzellent. Das fängt mit den beiden Titelpartien an: Wioletta Hebrowska ist ein vitaler kraftvoller Romeo. Hinreißend die an der Oper Halle erfolgreiche junge Russin Liudmila Lokaichuk als Giulietta. Mit ihrem Esprit spielte sie locker selbst über ihren gerafften Vorhangfummel hinweg. Die Kostüme waren eh so ambitioniert putzig, dass alle irgendwie nach einem Kostümball zum Thema Jules Vernes (oder was auch immer) aussahen. Aber das spielt keine Rolle, weil auch die Männer gut bei Stimme waren und eine passende Figur abgaben. Alexander Liu wirft sich mit schmetternder Verve in seinen Tebaldo, Sebastian Campine ist ein mafialike dreinblickender, finsterer Clanchef Capiello und Hinrich Horn als Freund Lorenzo als Verbündeter der Liebenden die wohltimbrierte Noblesse in Person. Es macht durchweg Spaß, diesem Quintett zuzuhören und mit ihm zu fiebern.

Dazu kommt, dass auch die Chorsolisten und die Singakademie Wernigerode mit Feuereifer bei der Sache sind. Es gibt viele gute Gründe, dem Harzstädtchen einen Besuch abzustatten – im laufenden Monat gehört dieser vor allem musikalisch und vokal exzellente Opern-Freiluftabend dazu!

Die nächsten Vorstellungen finden am 13., 14., 16., und 17. August statt. Mehr Informationen gibt es hier.