Magdeburg l Für die erste große Operninszenierung in Magdeburg im neuen Jahr nahm Generalintendantin Karen Stone die Regie selbst in die Hand. Anlass, das Werk auf die Bühne zu bringen, mag der 100. Geburtstag des Komponisten Gottfried von Einem gewesen sein.

Aber auch die Tatsache, dass vor 50 Jahren das Werk das letzte Mal in Magdeburg unter einem ganz anderen politischen Kontext (50. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland) auf dem Spielplan stand, macht die Revolutionsoper so interessant. Sie entstand auf der Grundlage von Karl Georg Büchners Drama zur Französischen Revolution zwischen 1944 und 1947. Der von den Faschisten angezettelte Weltkrieg prägte das Stück. 1947 war die Uraufführung bei den Salzburger Festspielen. „Was ist das, was in uns lügt, stiehlt und mordet?“, fragt Büchner in seinem Werk. Diesem Grundgedanken bleibt der Komponist bei aller freien Behandlung des Dramas im Libretto treu.

Schließlich eignet sich die Oper vortrefflich für jede Form der aktuellen Interpretation, gerade in einer Zeit, in der Despoten, Gewalt und Kriege an der Tagesordnung sind. Doch auch Karen Stone hält in ihrer Inszenierung höchst konsequent an diesem alles überspannenden Gedanken fest.

Mal poetisch, mal schmerzhaft

Und das macht auch die Stärke der Inszenierung aus, die in den Gesangspartien mit hochkarätigen internationalen Gastsängern neben den bewährten Künstlern des eigenen Ensembles besetzt ist. Allen voran die Rolle des Danton, die von dem niederländischen Bariton Peter Bording höchst souverän gemeistert wird.

Er ist international sehr gefragt, sang bereits 2014 in Magdeburg in Wagners „Lohengrin“ und den Scarpia in „Tosca“. Nicht minder hervorragend präsentierten sich als Gäste der indische Tenor Amar Muchhala in der Rolle des Camille Desmoulins, und ebenfalls als Tenöre der deutsche Robert Bartneck als Marie-Jean Hérault de Séchelles und der Brite Stephen Chaundy als Robespierre.

Johannes Stermann als Louis Antoine de Saint-Just, der Bariton Ronald Fenes als Martial de Herman und Paul Sketris als voluminöser Bass in der Rolle des Simon, alle aus dem Magdeburger Ensemble, waren ihren renommierten Kollegen in den für Künstler wie Zuhörer nicht immer leichten Partien durchaus ebenbürtig. Nicht nur wegen der Besonderheit der Rolle, sondern auch wegen ihrer Präsenz kommt der israelischen Sängerin Noa Danon im Magdeburger Theaterensemble ein besonderer Platz zu.

Ihr dramatischer Verzweiflungsschrei angesichts der Hingerichteten „Es lebe der König!“ ganz zum Schluss des Stücks, bildet den dramatischen Höhepunkt. Büchner und der Opernkomponist halten sich da ganz an die historischen Fakten. Was die Zuschauer nicht erfahren, aber vielleicht erahnen, ist, was sie damit in der Realität der Französischen Revolution von 1789 bezweckt: Acht Tage später wird auch sie hingerichtet.

Die Revolution frisst ihre Kinder

Die Musik der Oper „Dantons Tod“ ist sehr eigenständig. Sie hat nicht die Funktion, den Text und das Geschehen zu begleiten, sondern vermittelt eine eigene Geschichte von Tönen und Harmonien, die oft auch wie die Realität mal poetisch, mal schmerzhaft, mal bedrückend gleichgültig ist. Generalmusikdirektor Kimbo Ishii hat die Magdeburgische Philharmonie auf diese spezifische Aufgabe sehr gut eingestellt.

Das war auch eine besondere Herausforderung für die Sänger. Sie bewältigten bestens die schwierige Aufgabe, sehr argumentative deutsche Texte in Kreuzdialogen oft gleichzeitig mit viel Dramatik zu singen. Im Zusammenspiel mit der Musik funktionierte das hervorragend, machte aber das Verständnis für die Zuschauer nicht einfach. Wohl deshalb wurde der deutsche Text auf Untertiteln gezeigt, was aber wiederum das Verfolgen des Geschehens störte.

Vielleicht auch deshalb entstand trotz der immensen inneren Dramatik der Oper eine gewisse Distanz, die lediglich durch die Chöre unterbrochen wurde, die unter der Leitung von Martin Wagner wieder einmal für die Höhepunkte in dieser Inszenierung sorgten. Schon Komponist von Einem hatte sie so angelegt. Karen Stone ist es dann darüber hinaus in der Regie gelungen, diese Rolle der „grauen Masse Mensch auf der Straße“, die man so oder so bestens beeinflussen kann, herauszuarbeiten. Das wurde auch durch die Ausstattung (Bühne und Kostüme Ulrich Schulz) unterstrichen, die aus sehr viel kühlem Metall und Neonlicht bestand.

Diese Zeitlosigkeit schuf genau den Rahmen für die Interpretation, die erfreulicherweise nicht dem Zuschauer auf der Bühne fertig offeriert wurde, sondern im eigenen Nachdenken über das Gleichnis zum aktuellen Geschehen verankert ist. Die Revolution frisst ihre Kinder, und aus großen Ideen entstehen oft Böses – einst wie heute.