Magdeburg l Kinogefühl kommt auf, wenn mit Beginn des Stücks der Vorspann wie bei einem professionellen Streifen abläuft und Schauspieler Peter Wittig mit seiner sonoren, Bedeutsamkeit versprechenden Stimme, von Doris und Georg erzählt, die sich jedes Jahr in einem brandenburgischen Dorf ohne Namen, in einem Haus, einem Zimmer, einem Bett treffen. Jedes Jahr im November, immer zur gleichen Zeit.

Als die Proben zu dem Stück begannen, konnten weder die Angler-Protagonisten Ines Lacroix und Matthias Engel, noch die Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber ahnen, dass der gebürtige kanadische Erfolgsautor, der später in Amerika lebte, wenige Tage vor der Magdeburger Premiere im Alter von 89 Jahren sterben würde. So ist das Stück auch eine Hommage an den Autor, an die Vergänglichkeit, die selten so wie im November spürbar ist.

„Jahre später, gleiche Zeit“ ist experimentelles Theater, vielleicht sogar ein neues Genre, in dem die Schauspieler in ihren Rollen aus dem Film treten, um mit dem Textbuch samt Regieanweisungen in der Hand dem Publikum zu verkünden, was ihr Leben ausmacht.

Dialoge voller Humor und Sarkasmus

Beide, Doris und Georg, gespielt von Ines Lacroix und Matthias Engel, sind in dieser oder jener Form partnerschaftlich gebunden, und es geht auch um Sex, aber eben nicht nur. In den unglaublich authentischen Dialogen voller Humor und Sarkasmus sind es vor allem die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die vor dem Hintergrund der in Filmsequenzen gezeigten großen Ereignisse deutlich machen, was Menschen wirklich bewegt.

Den Film hat der Quedlinburger Anselm Schwindack des studio transit aus jeder Menge Bildquellen geschnitten und zusammengestellt. Diese Auswahl und Kombination von weltbewegenden und scheinbar alltäglichen Ereignissen ist für die Aussage des Stücks enorm wichtig.

Das Verhältnis des Paares, das eigentlich keines ist, auch wenn es sich Jahr für Jahr am gleichen Ort trifft, um ein Wochenende zu verbringen, lässt sich nicht ohne Weiteres in ein Klischee packen. Darin stecken Elemente eines geheimen Tête-à-Tête ebenso, wie die Langeweile und Lustlosigkeit einer seit Jahren bestehenden Ehe. Und trotz der unterschiedlichen Bindungen, die beide eingehen, ja sogar sein Baby bringt Georg zu einem der Treffen mit, offenbart sich im Laufe der Jahre eine starke Bindung.

Minimalistik eines Kammerspiels

Diese Ambivalenz der unvollendeten Beziehung, die vielleicht gerade deshalb die versteckt spürbare Liebe und Zuneigung über den Verlauf der Jahre erhält, verkörpern Ines Laxroix und Matthias Engel mit höchst sparsam eingesetzten darstellerischen Mitteln großartig. Es ist diese Minimalistik, die an ein Kammerspiel erinnert.

Außer einem großen Bett, aus dem die beiden ganz in Weiß gehüllt erzählen, passiert eigentlich kaum etwas. Dennoch versteht es die junge österreichische Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber, die schon öfter im Theater an der Angel inszeniert und hier eine neue Heimat gefunden hat, die Spannung über die sechs Akte mit den jeweiligen filmischen Einführungen aufrechtzuhalten. Die aus dem prallen Leben gegriffenen Dialoge von Bernhard Slade bringen darüber hinaus die Zuschauer immer wieder zum Lachen. Verraten sei auch noch, dass es ein Happy End gibt, das überhaupt nicht kitschig ist, sondern tatsächlich ans Herz geht.

Eine Reise wie in einem Zeitraffer

Wohl kaum hat der Autor Bernard Slade den November als Schicksalsmonat in der deutschen Geschichte und insbesondere den Blick auf die deutsche Wiedervereinigung im Sinn gehabt, als er 1975 sein Stück schrieb. Aber die Angler stellen in ihrer Interpretation bewusst diese Verbindung zu einem Leben in einem Staat her, den es nicht mehr gibt. Es sind die Sorgen und Träume, die Hoffnungen und Enttäuschungen von Menschen in ihrer ureigensten kleinen Welt, einem Schlafzimmer. Hier kulminieren die großen Veränderungen im ganz Kleinen. Und von hier aus wirkt das Paar zurück auf die Welt.

Durch die Wochenend-Treffen jedes Jahr nehmen Ines Lacroix und Matthias Engel die Zuschauer wie in einem Zeitraffer mit auf eine Reise durch die Geschichte der letzten 50 Jahre, zeigen an den ganz persönlichen Veränderungen im Denken und Handeln, was mit denen, die diese politische und gesellschaftliche Transformation erlebt haben, geschehen ist. Das ist das Besondere an dieser Inszenierung des Theaters an der Angel, abseits von großen Reden und Kundgebungen einen ganz persönlichen Blick im Zeitenlauf auf die Gefühle und Befindlichkeiten der Betroffenen gewagt zu haben. Und der ging weitaus mehr unter die Haut, als alles andere.