Magdeburg l Beide Theater haben eine eingeschworene Fangemeinde, sind ohne Übertreibung Kult. Die Angler vom Werder, der Insel zwischen den Elbarmen, haben auf Monate hinaus ein ausverkauftes Haus, egal, was gespielt wird, und wenn die Kammerspiele ihr alljährliches „Olvenstedt probiert´s“ als Sommertheater präsentieren, sind die Karten meist schon fürs nächste Jahr vergriffen.

Allerdings: Beide Theater haben mit mit einem durchaus differenzierten künstlerischemnAnspruch auch unterschiedliche Publikumserwartungen geprägt. Was also treibt zwei so erfolgreiche Schauspielpaare, wie Ines Lacroix und Matthias Engel sowie Susanne Bard und Michael Günther, zum Experiment eines gemeinsamen Stücks, dass „vieles bringt“ und „manchem etwas“?

Permanenter Erfolg birgt die Gefahr, sich zu sehr auf eingefahrenen Gleisen zu bewegen. Lebendiges Theater braucht Veränderung, neue Impulse, auch Experimente. Das wäre zumindest eine Erklärung, wenn auch nicht die einzige.

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Hausautor hat Stück geschrieben

Dirk Heidicke hat das Stück „Nachbarn – Die Rückkehr“ geschrieben. Er ist der Hausautor der Kammerspiele, mithin auch von „Olvenstedt probiert´s“. Und diese Handschrift ist unverkennbar. Die Villa auf dem Werder wird zur Seniorenresidenz für gealterte Theaterleute, die an ganz unterschiedlichen Stellen sehr verschiedene Aufgaben erledigt haben, als Opernsänger, Schauspieler oder Souffleuse. Was sie alle eint: Ihre großen Träume sind ausgeträumt.

Vier Schauspieler spielen acht Rollen: Bard mit Engel, Lacroix mit Günther. Sie sind jeweils die Kinder und die Eltern der Familien Schwarzenberg und Weißenborn. Diese Elternpaare sind auf vielfältige Weise miteinander verbunden, teils, weil sie alle irgendwie mit dem Theater zu tun hatten, teils, weil sie sich als Nachbarn wegen einiger Äpfel aus Nachbars Garten auch nach 37 Jahren noch immer „spinnefeind“ sind. Und nun werden sie zu allem Unglück noch im gleichen Altenheim wieder Nachbarn.

Herausforderung für die Schauspieler

Allein die Rollenwechsel mit Perücken und ständigem Umziehen machen das Stück zu einer Herausforderung für Schauspieler, Regisseur und Zuschauer. Oliver Breite, bekannter Gast bei den Kammerspielen, hatte die Regieaufgabe übernommen. Vermutlich ist es auch ihm nicht leichtgefallen, bei der Fülle von Irrungen und Wirrungen sowie diversen Querverbindungen den Überblick zu behalten.

Ohne eine klare Stammbaumzuordnung dürfte das auch den meisten der Zuschauer schwergefallen sein. Axel „Aki“ Rüther, so etwas, wie der gute Geist vom Theater an der Angel, greift dann auch als Heimleiter Dr. Karl-Heinz Schneider hier und da ordnend in das Geschehen ein.

Erinnerung an Kultserie der Kammerspiele

Ansonsten lebt das Stück von der Persiflage des Ehelebens – ein offenbar immerwährender Garant für Heiterkeit – sowie der in dieser Hinsicht nicht minder erfolgreichen künstlerischen Aufarbeitung von Nachbarschaftsstreit. Und wenn zwischenzeitlich das Publikum höchst wirksam in die „Seniorengymnastik“ des Altenheims eingebunden wird, sich artig nach rechts und links nach Anweisung verbiegt, dann ist auch dafür gesorgt, dass es niemandem langweilig wird. Das erinnert schon stark an die Kultserie der Kammerspiele. Die ist in dieser Hinsicht schon fast ein eigenes Genre, das nicht mit einer herkömmlichen Komödie verglichen werden kann.

Und die „Angler“ haben schon oft bewiesen, dass sie mit klugen Komödien bestens zurechtkommen. Die gemeinsame Inszenierung der Kammerspiele und des Theaters an der Angel war ein Versuch, mit 70 Prozent „Olvenstedt probiert´s“ und 30 Prozent Theater an der Angel. Er wird ganz sicher eine Diskussion lostreten, in welche Richtung man sich künftig bewegen will. Eine Schaffenskrise ist immer auch eine Chance, öffnet neue Wege. Wer mit dieser Erwartung auf die Werder-Insel gepilgert ist, dürfte voll und ganz auf seine Kosten gekommen sein.