Magdeburg l Regisseur Nis Søgaard macht schon mit den ersten Sekunden nach Beginn des Stücks klar, dass das Dorf und der Wald des „Rotkäppchens“ – deren Name übrigens kein einziges Mal fällt – alles andere als eine heile Welt ist. Genau genommen, hat dieses Stück von Andreas Jungwirth in dieser Inszenierung nur wenig mit dem Märchen zu tun. Es sind lediglich die Figuren und die Orte, die neu geordnet, analysiert und dann wieder zu einem Ganzen zusammengesetzt werden.

Das ergibt ein völlig neues Stück, das die ganze Dramatik von Sehnsüchten und Begierden, von Falschheit und Grausamkeit, von Betrug und Rache, von Lüge und Wahrheit mit den Lebensplanungen der Akteure miteinander neu verknüpft.

Kein modernes Rotkäppchen

Und das geschieht so geschickt, dass die Realität des wirklichen Lebens, die ja in jedem Märchen steckt, den Zuschauer betroffen und traurig zugleich macht, manchmal auch zu einem bitteren Lachen verführt. Es ist eine neue Geschichte, kein modernisiertes „Rotkäppchen“, kein Märchen und knüpft doch genau dort an. Diese Ambivalenz lässt die Zuschauer nicht los, macht das Stück anstrengend und offenbart dennoch gerade dadurch die künstlerische Aufarbeitung menschlicher Abgründe, derer man sich gern im Märchen durch Romantisieren entzieht.

Die Mutter des „Kindes“, gemeint ist das Rotkäppchen, ist nicht glücklich. Das „Kind“ war nicht gewollt, die Kneipe im Dorf, in der sie den Kerlen, die Bäume fällen, Bier einschenkt, hängt ihr zum Halse raus. Der Vater „ist im Wald geblieben“ lautet die Lüge für das „Kind“, das nicht erfahren soll, dass er von einem gefällten Baum erschlagen wurde.

Die Großmutter lebt im Wald in einem Campingwagen und hat sich mit dem Wolf arrangiert. Der bekommt regelmäßig von ihr was zu fressen und vergisst allmählich dadurch, was und wer er eigentlich ist. Irgendwann möchte er auch so sein, wie der Kettenhund im Dorf, denn der hat einen regelmäßig gefüllten Fressnapf. Er hat das „Wolfsein“ satt, mit 100 Tagen Schonzeit im Jahr. An den restlichen 265 Tagen ist ihm der Jäger auf der Spur, der allerdings auch keine Lust mehr auf den Job hat. Die beiden machen ein Tauschgeschäft. Der Jäger überlässt ihm seine Flinte, aus der er gerade mit seiner letzten Kugel einen Adler geschossen hat, gegen den König der Lüfte, den der Wolf an sich riss. Der Wolf meint, damit die Machtverhältnisse umgedreht zu haben, aber die Flinte ohne Munition ist wertlos. Der Wolf wurde betrogen.

Analogien zum modernen Leben

Die Analogien zum modernen Leben begegnen einem überall in dem Märchen, das keines ist. Nis Søgaard versteht es meisterhaft, die Handlungsstränge zu verwirren, um sie dann wieder zu einer bitteren Wahrheit zu führen. Die Bühne, die von ihm zusammen mit Simon Bukhave entworfen wurde, bietet mit den einzelnen Spielplattformen und der Mini-Drehbühne ein ideales Umfeld, um mit ganz wenigen Mitteln sofort neue Handlungsorte sehr eindrucksvoll zu gestalten.

Die Puppen von Lili Laube, die in einem verwirrenden, aber genialen Zusammenspiel von Linda Mattern, Anna Wiesemeier, Richard Barborka und Leonhard Schubert in weißen Hochzeitskleidern geführt wurden, entwickeln ein verblüffendes Eigenleben, das aber die schauspielernden Puppenspieler niemals zu weit in den Hintergrund treten lässt. Hinzu kommt die Musik von Filip Nikolic, der wie einige seiner Kollegen wegen Corona nicht selbst bei der Premiere anwesend sein konnte.

Nur die Schlussszene ertrank dann doch in einigen Litern Theaterblut zu viel. Da wäre angesichts der überzeugenden Symbolik etwas weniger mehr gewesen. Dennoch dürfte die „Schonzeit“ sich in die Reihe der Glanzstücke des Magdeburger Puppentheaters nahtlos einreihen. Im Januar 2021 sind vorerst weitere Vorstellungen geplant.