Magdeburg l „Faust der Friesen“ wird sie gern genannt, die Geschichte um den Sohn eines armen Marschbauern und Landvermessers. Der mathematikbesessene Eigenbrötler Hauke, der Ende des 18. Jahrhunderts den sozialen Aufstieg vom Kleinknecht zum Deichgrafen schafft, lässt gegen die Widerstände der abergläubischen, traditionsverhafteten Dorfgemeinde einen neuen, modernen Deich bauen. Doch er scheitert. Nicht nur die missgünstigen Dorfbewohner, sondern vor allem seine eigene menschliche Hybris lassen ihn und das gesamte Dorf in der sturmgepeitschten Nordsee versinken.

Das Spätwerk Storms über den fiktiven Deichgrafen, erschienen 1888, gilt als Beispiel des literarischen Realismus und basiert auf einer Sage, mit der sich der Autor jahrzehntelang befasst hatte.

Leonhard Schubert nutzt die entschlackte Bühnenfassung von Frederik Laubemann für ein bildergewaltiges, emotionales Schauspielertheater, das vor allem von seinem perfekt aufeinander abgestimmten Spielerensemble profitiert. Statt der verschachtelten Stormschen Rahmenerzählungen gibt es einen fünfköpfigen personifizierten Sturm, der durch die Handlung führt, sie antreibt, ins Geschehen eingreift – eine glatzköpfige, grün-berockte Naturgewalt, die nicht zu bändigen ist und der einzig Hauke Haien entgegensteht. Denn alle anderen Figuren schälen sich nach und nach aus den Sturmfiguren heraus und wechseln dorthin zurück. Und zuweilen sind Naturgewalt und Dorfgemeinde in ihrer Bedrohlichkeit kaum voneinander zu unterscheiden.

Leonhard Schubert setzt zu Beginn auf kurze, schlaglichtartige, manchmal etwas hektische Sequenzen, die den Werdegang des jungen Hauke schildern. Er spart dabei nicht mit fantastischen Bildern wie den Begegnungen des Kindes Hauke, einer realistisch wirkenden rotschopfigen Puppe im gelben Friesennerz, mit dem leibhaftigen, mit spaciger Neonbrille versehenen Euklid.

Ein fünfköpfiger Sturm

Später werden die Bilder eindringlicher, berührender, etwa die Hochzeit Haukes mit der Deichgrafentochter, oder später ihre verzweifelten Versuche, Hauke von seinem ehrgeizigen Vorhaben abzuhalten, einer der Höhepunkte im eindrücklichen Spiel von Freda Winter. Hier wird das Unheil schon vorweggenommen. Bernhard Range unterstützt die Szenen mit seinen kongenialen Soundcollagen, die von der Händelarie bis zu opulenten filmmusikalischen Klangflächen reichen.

Richard Barborka, Lennart Morgenstern und Florian Kräuter schlüpfen reihum in die Rolle des Visionärs Hauke. Jeder verleiht der Figur eine eindrückliche eigene Farbe: vom sozial eher scheuen, aber aufstiegswilligen Jungen über den ehrgeizigen, kämpferischen Deichgrafen, der mit seinem Schimmelkopf verwachsen scheint, bis hin zum kranken Alten.

Ihnen gegenüber das Figurenensemble, scheinbar direkt aus dem Schlick: die mülltütengewandete Trin Jans, von Jana Weichelt geführt als keifsüchtiges Weib. Oder Haukes Widersacher Ole Peters, der, ebenfalls aus Strandgut zusammengebaut, dem Spieler Lennart Morgenstern aus der Wathose wächst. Ausstatter Jonathan Gentilhomme hat eine postapokalyptische Szenerie entworfen mit einem rostbedeckten Wrack und grobem Sand, ein düsterer Ort, der sowohl über als auch unter Wasser liegen könnte.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – das berühmte pampige Bonmot Helmut Schmidts aus den 1980er Jahren kommt unwillkürlich in den Sinn beim Nachdenken darüber, wie Gesellschaft heute mit Visionären umgeht und welchen Anteil sie zuweilen selbst daran haben.