Magdeburg l Szenen des Stücks hat Jana Weichelt bereits als Vordiplomstück 2015 gespielt und damit etliche Preise gewonnen. Jetzt hat sie es gemeinsam mit Regisseur Hans-Jochen Menzel und Dramaturgin Petra Szemacha erweitert und als Magdeburger Premiere herausgebracht.

Polylux, Erich-Porträt vor blauem Grund, DDR-Schulbank, roter Ranzen – die karge Ausstattung Jana Weichelts auf der kleinen Bühne des Puppentheaters wirkt wie eine Zeitschleuse zurück in die DDR der 80er Jahre. Die Zeiten, in der die Putzfrauen noch das Sagen hatten. Eine solche kommt auch prompt auf die Bühne, stark sächselnd und über die Kinder motzend, die über den frisch gewischten Gang laufen. Jana Weichelt beginnt ihren grandiosen Soloabend fast kabarettistisch, Erichs Porträt wird mit Spucke gewienert – „Der is ja ganz drecksch ...“. Doch bald lösen die Gegenstände im Raum Erinnerung aus, taucht Weichelt tief ein in die Kindheit, die die 1979 geborene, in Dresden aufgewachsene Spielerin jenseits aller Klischees auf äußerst virtuose Weise so lebendig werden lässt, dass das Publikum mit langem, herzlichem Applaus und Bravo-Rufen dankt.

Figuren aus der Puppenstube

Mit Original-DDR-Puppenstubenfiguren spielt sie einen typischen DDR-Fahnenappell nach, bei dem im Publikum spontan die ritualisierten Texte mitgemurmelt werden. Sofort hat man die längst vergessene Fanfarenzugmelodie und den typischen Funktionärs-Zungenschlag im Ohr, der republikweit identisch gewesen ist. Die klug montierten Szenen lassen eindrucksvoll nicht nur den absurden Drill nachvollziehen, sondern auch die Sehnsuchtsmomente einer „echten“ Jeans, die Reize des staatlich verpönten Westfernsehen, die Spannung und anschließende Enttäuschung beim Auspacken des Westpakets.

Ostdeutsche Freizeit

Mit Indianerfiguren, die im Trabbi ins Grüne fahren, spielt sie die heute absurd wirkenden Nischen ostdeutscher Freizeit nach, die bis ins kleinste Detail politisiert wurden: Wie zum Henker rechtfertigt man die „Kulturgruppe Indianistik“ bei der SED-Kreisleitung, wo man doch nur Natur, Lagerfeuer und Tipi-Bauen im Sinn hat? Und selbst dort und vor allem da, im Privatesten, lauschen die Ohren der Stasi.

Niemals verurteilend

Jana Weichelt erzählt ihren DDR-Kosmos souverän, niemals verurteilend, sondern mit Liebe für ihre Figuren in einer differenzierten Betrachtungsweise, die auf Bühnen und Kinoleinwänden selten zu erleben ist. Weichelt stellt in rasantem Rollen- und Dialektwechsel Absurd-Komisches, wie die schrille Version des Märchens „Schneewittchen“ mit Katarina Witt und Sigmund Jähn als Protagonisten, eng neben wirklich schockierende Szenen wie das Referat eines Offiziers über den Anfang der Achtzigerjahre geplanten NVA-Angriff auf die Bundesrepublik oder berührende Momente, wenn zwei NVA-Grenzsoldaten inständig hoffen, dass sie nicht schießen müssen. Endgültig das Blut in den Adern stockt, wenn gemeinsam mit dem Publikum das Verhalten beim Atomschlag geübt wird und die Erinnerung daran einsetzt, dass man damals wirklich nur in den Keller gehen sollte!

„Froh ist der Schlag unsrer Herzen“ mit seinem informativen, kleinen Programmheft wird und soll Diskussionen auslösen – wer in der DDR aufgewachsen ist, wird Anknüpfungspunkte zum Reden und Erinnern finden, alle anderen erleben eine spannende Stunde Geschichtsunterricht. Auch für Jugendliche ist das Stück wärmstens empfohlen – sie werden, wie die Schüler aus der Premierenklasse des Domgymnasiums, mit ihren Eltern ins Gespräch kommen.

Pubikumsgespräche zur Inszenierung sind in Planung, war aus dem Puppentheater zu erfahren – da Jana Weichelt in den Mutterschutz geht, wird das Stück allerdings erst im Herbst wieder zu sehen sein, dann aber passend genau zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls.