Magdeburg l Theater mit allen Sinnen zu erleben, ist ein Markenzeichen von Roscha A. Säidow, derzeit „Artist in Residence“ am Magdeburger Puppentheater. In ihrem Magdeburger Debüt „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ hatte sie die Mörderhand durch den kalten Hauch von Wind- und Nebelmaschinen und wehende Plastikvorhänge physisch spüren und dem Publikum eine Gänsehaut wachsen lassen. In ihrem neuesten Wurf ist es ein mitten auf der Bühne entstehender schwülwarmer Feuchtbiotop, der den Zuschauer nach Vorstellungsende im Foyer buchstäblich aufatmen lässt.

„We are family“, der abgenudelte Hit der Sister Sledge, übrigens auch Titel einer Serie im Privat-TV über „die verrücktesten Familien Deutschlands“, dudelt harmlos während des Einlasses, bevor der Trip durch die Familienhölle beginnt.

Roscha A. Säidow hat Anton Tschechows Klassiker „Drei Schwestern“ fortgesponnen. Was ist aus Olga, Mascha und Irina geworden, deren einziger Wunsch darin bestand, einst „nach Moskau“ zu gehen, dem von der Vergangenheit genährten Sehnsuchtsort des brodelnden Lebens.

Frauenfiguren beim Schlammcatchen

Tschechows 1901 erschienenes Drama war für die damalige Zeit revolutionär, verabschiedete es sich doch von einer vorantreibenden Handlung zugunsten um sich kreisender Dialoge. Handlungsohnmacht und die Weigerung der Figuren, in der Gegenwart zu leben, waren seine Themen. Das ferne Moskau der Vergangenheit und das Philosophieren darüber, was Lebensglück ausmachen könnte, beherrschen die vier Akte des Klassikers.

Säidow hat nun eine klassische Situation gewählt, die drei Protagonistinnen des Dramas wieder zusammenzubringen: die Beerdigung des Bruders Andrej, dem einstigen Hoffnungsträger des Trios auf ein neues Leben jenseits der Provinz. Ihm zuliebe treffen die Schwestern zusammen, im trostlos torfschlammigen Morast des Friedhofs, auf den es unablässig aus dem Bühnenhimmel regnet.

Während Olga, die als Lehrerin schon immer alles organisiert hat, versucht, die Beerdigungszeremonie durchzuziehen, klinken sich die jüngeren Schwestern bald aus: Mascha, die inzwischen gern zur Flasche greift, bringt erste Misstöne ins Spiel, Irina beginnt, die gesamte Familiengeschichte mit Kreide auf die großen schultafelähnlichen Quader der Bühne zu skizzieren. Das passiert schnell und grotesk, mit grob angelegten, eher wie Karikaturen wirkenden Frauenfiguren, die sich auch mal ein Schlammcatchen liefern.

Schmaler wird der Pinselstrich mit dem Auftauchen der Vergangenheit, die sich mit dumpfen Klopfzeichen ankündigt, und ab da wird es spannend: Die Kästen öffnen sich und geben das Bild frei auf die Enge von früher. Der Salon der Prosorows ist eine Puppenstube in Draufsicht, in anderen Kästen eröffnen dioramenähnliche Szenen aus der Familiengeschichte.

Familienbande

Gildas Coustiers magnetische Puppen müssen nicht geführt werden, sondern stehen selbständig, werden von den Schwestern nur positioniert oder auch mal in den Schlamm geworfen.

Ein schauriger Effekt: Die Stimmen der Puppen kommen allesamt vom Band und fordern den Spielerinnen einen präzisen Rhythmus ab.

Die Vergangenheit kann nicht nachträglich geschönt werden, mehr noch, es findet eine scheinbare Rollenumkehr statt: nicht die Puppenspielerinnen führen, sondern sie werden geführt. Familienbande lässt sich eben nicht abschütteln. Und da ist sie wieder, die Sehnsucht „nach Moskau“, dem Lebenstraum, der nie gelebt wurde. Ob dabei elf oder eher hundertsechzehn Jahre vergangen sind, bleibt offen.

Säidow verwebt für ihr Stück der Möglichkeiten Zitate von Tschechow mit ihren eigenen sehr poetischen Bildern über den Anspruch an das Glück. Anna Wiesemeeer, Freda Winter und Claudia Luise Bose arbeiten wunderbar nicht nur die verdrängten Lebenslügen der Schwestern heraus, sondern brillieren darin, zu zeigen, wie es sich anfühlt, sich nicht entscheiden zu können, sich selbst im Weg zu stehen.