Stendal l Der Titel „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ täuscht. In Joël Pommerats „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ geht es weder um Korea, noch um irgendein anderes politisches Thema. Hier geht es ausschließlich um die Liebe. Der französische Dramatiker beleuchtet das Thema von allen Seiten, pflückt es auseinander und stellt dann in einer Folge von Minidramen die verschiedenen Facetten zur Schau.  Die Stendaler Inszenierung von Regisseurin Cordula Jung war gleichzeitig der Startschuss in die neue Spielzeit und der Beginn der Intendanz von Wolf E. Rahlfs.

Ein blattloser Baum, Stühle, ein Gerüst mit Scheinwerfern, im Hintergrund ein Schminktisch mit Spiegel. Auf der einen Seite ein schwarzes, kastenförmiges Gebilde, auf der anderen Seite ein Flügel, an dem der musikalische Leiter des TdA, Andreas Dziuk, im Glitzersakko sitzt. Das Bühnenbild von Sofia Mazzoni ist seltsam karg und befremdlich. Im Laufe des Geschehens wird klar: Es bietet nicht nur Raum für die unterschiedlichen Szenen, es bestärkt auch das Gefühl, dass die Liebe eigentlich ein „Ding der Unmöglichkeit“ ist. Denn darum geht es. „Koreas“ ist ein bunter Reigen des Scheiterns, der Absurdität und der Verzweiflung.

Neun starke Schauspieler sind auf der Stendaler Bühne in rund 50 Rollen zu erleben. Es geht Schlag auf Schlag. Mal absurd-schwarzhumorig wie die Szene, in der eine Reinigungskraft von einer zweiten Hochzeit mit ihrem Ex träumt, – während der über ihr an einem Haken von der Decke baumelt.

Es gibt Szenen, die unter die Haut gehen: Ein Ehepaar ist verzweifelt, weil ihre Kinder scheinbar entführt wurden. Er: „Die Kinder sind das Wichtigste in unserem Leben!“ Sie: „Ruf die Polizei!“ Doch als die Polizisten vor der Tür stehen, verstummen die beiden. Es wird klar: Hier gab es nie Kinder. Nur als Wunsch. Kinder würden dieser Ehe vielleicht einen Sinn geben. Und so wird getan, als ob...

Techtelmechtel mit den Schwestern

Oder das Minidrama „Tod“: Nach langer Krankheit ist der Vater gestorben, seine Tochter hat ihn selbstlos gepflegt. Nun will sie bald heiraten. Doch diese Ehe ist eine weitere Opferung ihrer selbst.

Und es gibt Szenen, die einem Boulevardtheater entsprungen sein könnten: Kurz vor der geplanten Hochzeit erfährt die Braut, dass ihr Zukünftiger mit all ihren Schwestern (drei an der Zahl!) ein Techtelmechtel hatte. Es geht also nicht zum Standesamt, sondern hoch her.

Ein Lehrer gibt zu, dass er seinen Schüler mag, ja, ihn sogar liebt. Anlass genug für die Eltern, ihn des Missbrauchs zu bezichtigen.

Ein Ehemann besucht täglich seine an Gedächtnisverlust leidende Frau. Sie weiß nichts mehr von der langen Beziehung. Jeden Tag muss er ihre Liebe – oder vielleicht auch nur ihre sexuelle Lust auf ihn – neu entfachen. Dieser Szene verdankt das Stück seinen Titel: Das erste Treffen, so der Ehemann, sei wie die lang ersehnte Wiedervereinigung von Süd- und Nordkorea gewesen.

Und da ist noch der katholische Pfarrer, der in ein Dilemma gerät: Er hat eine Frau kennengelernt. Für ihn Grund genug, nicht länger seine Stammprostituierte aufzusuchen. Die Lösung der Geschäftsbeziehung gestaltet sich jedoch schwieriger als gedacht.

„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ ist eine wilde Mischung. Eine Collage aus verschiedenen Bildern und Genres. Manches macht nachdenklich, anderes amüsiert, wieder anderes betrachtet man mit leichtem Befremden. Einige Minidramen erzählen trotz aller Kürze eine richtige Geschichte. Bei anderen hat man das Gefühl, nur kurz hinter einem Vorhang geschaut zu haben.

Joël Pommerat hat für ein breites Publikum geschrieben. Das bedeutet aber auch, dass sich nicht alles für alle erschließt. Einige Szenen lösen hier und dort Schulterzucken aus.

Rasante Szenenfolge

Die rasante Abfolge der verschiedenen Szenen ist eine Herausforderung an die Schauspieler. Sie schlüpfen von einer Rolle in die nächste. In der Stendaler Inszenierung gelingt das den neun Darstellern hervorragend. Die verschiedenen Charaktere wirken nie flach oder eindimensional.

Zwischen den Szenen gibt es Musik. Auch hier ein Wechselbad der Gefühle: harmonisch, mit Schmelz oder entfremdet und ein wenig disharmonisch.

Alles in allem: Eine gelungene Inszenierung von Cordula Jung mit einem großartigen Bühnenbild und starken Darstellern. Das Premierenpublikum spendete kräftigen Applaus.